QUIET WORDS

Betrachtungen des ultimativ Weiblichen

Bleaching! Whitening! Sauber sein!

Der Trend zur Weissheit, oder mehr Licht in dunkler Zeit.

Whitening© iStock-ka_ru

Ist Ihnen auch schon aufgefallen: Überall fahren jetzt weiße Autos herum! Europaweit ist Weiß sogar der beliebteste Autolack. Und das hat einen ganz bestimmten Grund - glauben zumindest Forscher. Sie sehen in dem Trend einen Spiegel der Gesellschaft: Emotionale Tarnung, aber auch Sehnsucht nach Klarheit und Herrschaft durch Reinheit, so melden sich Designprofessoren zu Wort. Und Farbpsychologen ergänzen, dass Besitzer eines weißen Autos häufig zurückhaltend und pflichtbewusst sind. Übrigens wählen deutlich mehr Frauen als Männer Weiß als Autolack.

Sie bemerken ganz richtig, wenn ein Mann über Bleaching und Whitening schreibt, so beginnt er beim Auto und nicht bei der Farbe des Hochzeitskleids. Ist ja auch logisch, denn haben Sie schon einmal ein von unbefleckter Empfängnis verschont gebliebenes Auto gesehen? Eben!

Wir scheinen in düsteren Zeiten zu leben , denn soviel Sehnsucht nach Aufhellung war selten. Ja, künstlich wird zur Zeit alles getan, damit es deutlich heller wird. Es wird gebleicht, gebleacht, blondiert und aufgehellt, was die Kosmetikindustrie an Tinkturen und Crèmes hergibt. Wie schreibt der wunderbare Frédéric Beigbeder in seinem ebenfalls wunderbaren Roman 39,90? „Schließlich und endlich haben die Nazis gewonnen: Selbst die Blacks blondieren sich die Haare.“ Das Helle, das Weiße soll das Gute sein. Die von der Sonne zur Lederhaut gebräunte und gegerbte Epidermis à la Brigitte Bardot oder Reinhold Messner gehört längst der Vergangenheit an! Scheckig macht alt! Und ein von Rotwein und Tabak gebräunter „rustbelt“ als Zahnreihen im Mund geht gar nicht. Die vornehme Blässe wird angestrebt – mit all ihrer Blasiertheit und Arroganz. Die hellweißen, blendenden Zähne sollen es sein – mit all ihrer unterschwelligen, aggressiven  Symbolik: Ich kann auch beißen! Schneewittchen lässt grüßen; der böse Wolf mit seinem gesunden Gebiss allerdings auch.

Gibt es also auch bei uns bald japanische Verhältnisse? Dort ist Urlaubsbräune das Schlimmste. In Japan gehören im Sommer Sonnenschirme, Hüte mit UV-Schutz und T-Shirts mit langen Ärmeln zu den absoluten Verkaufsschlagern. Eine weiße, fleckenlose Haut wie aus Augarten-Porzellan gilt nicht nur Japanern, sondern den meisten Asiaten als Ideal von Schönheit – "Bihaku" (nicht Bukkake) heißen dort Frauen mit einem weißen Porzellanteint. Nicht von ungefähr machen Whitening-Produkte, die Pigmentflecken aufhellen und für einen helleren Teint sorgen sollen, ein Viertel des gesamten japanischen Marktes für Hautpflegemittel aus. Für das japanische Unternehmen Shiseido zählt Anti-Pigmentpflege zur Kernkompetenz: Seit 1917 führt es solche Produkte im Sortiment. Seine Pflegelinie "White Lucency" setzt auf Melaninkontrolle durch Vitamin C. Biotherm verwendet "Chroma-Sphären", die bei Hautkontakt zerplatzen und "harmonisierende" Pigmente freisetzen; Vichy baut auf die Hemmung der Melaninbildung und Aveda hat mit "Enbrightenment Skin Care" eine Multiwaffe gegen Pigmentflecken im Programm.

Die meisten Produkte versuchen auf irgendeine Art und Weise in den Melaninbildungszyklus einzugreifen. Mir klingt das ziemlich „fremd vorm Ohr“. Weder ist die perfekt blasse Dita von Teese mein Idol noch eine Bihaku-Frau. Und dass Michael Jackson es (wie alles) übertrieben hat, was kümmert’s mich: Die Bleichcreme Eldopaque soll er kistenweise geordert und stets auf umfassende Vorratshaltung bestanden haben. Gott ja, die Weissheits-Farbpalette macht einen schon wahnsinnig: perlweiß, cremeweiß, schneeweiß, signalweiß, reinweiß, verkehrsweiß, papyrusweiß, antikweiß, rauchweiß, naturweiß, warmweiß, weißblond, ...und was weiss der Teufel sonst noch alles an poesievollen weißen Farbnuancen –  von spermaweiß ganz zu schweigen.

Unserer Redaktionskatze Blunzi ist soviel Weissheit ziemlich egal . Das weise Tier ist und bleibt pechschwarz. Übrigens: Ich stehe dem kosmetischen Fortschritt äußerst skeptisch gegenüber. Was bringt das, frage ich mich immer, wenn ich wieder einmal vom neuesten Schönheits- und somit Kosmetiktrend überholt und überrollt werde. In Amerika setzt man seit längerem bereits auf  „Anal-Bleaching“. Das Schönheitsideal des aufgehellten Afters entspringt nicht irgendwelcher fake-news oder alternative-facts, sondern ist (wie auch die glattrasierte Scham) der US-Pornoindustrie geschuldet. Dort gilt es als besonders ansehnlich, wenn der After keine Verfärbungen aufweist, sondern der zarten Haut des Pos ähnelt. Die Idee des „optimierten Anus“ fand den Geschmack vieler Amerikaner, sodass die Behandlung dort nun schon seit langem in vielen Kosmetikstudios angeboten wird. Da ist es fast beruhigend: Egal, wie weiß die  optimierte Körperöffnung ist, der Output bleibt doch farblich unverändert. 

Nun mag es am Geschlecht liegen, dass ich als heterosexueller Mann eigentlich zur Pflege nur Rasiergel, Deo, Niveacreme (bitte in der Tube und die ist immer schwieriger zu bekommen) und als Eau de Toilette „Knize Ten“ brauche. Bei Zahnpasta aber bin ich durchaus Neuem gegenüber aufgeschlossen und höchst experimentierfreudig. Nun habe ich tatsächlich mit der „Colgate Max White“-Zahnbürste großartige Erfahrung gemacht. Die sind ziemlich clever bei Colgate, denn das Produkt forderte erstmal meinen (männlichen) Spieltrieb heraus, ist doch im Zahnbürstengriff ein  Whitening-Stift integriert! Ein High-Tech-Wunderwerk! Colgate verspricht dreimal hellere Zähne (stimmt) und fordert mich, plump duzend auf:  „Entfessele die Kraft Deines Lächelns.“ Okay, mein Lächeln ist nun houdinimäßig entfesselt, Blunzi hat schon Angst vor mir und Frauen in einem, mit UV-Licht ausgeleuchteten darkroom ebenso: Dort leuchten meine Zahnreihen nämlich stärker und heller als alle Schwangerschaftsstreifen zusammen. Ich nutze das derorts aber nicht aus. Mit all unseren Bleaching- und Whitening-Anstrengungen, mit unseren Aufhellern und Helltönern streben wir ja doch nur weiß als Herrschaftsfarbe an: Trumpweiß eben.

Ja, wir leben in düsteren Zeiten! Und wem in diesen Zeiten das Aufhellen des Körpers von A bis Z, also von Anus bis Zahn nicht genügt, wem das alles viel zu äußerlich und zu oberflächlich ist, für den gibt es ja auch noch jede Menge Stimmungsaufheller für die Psyche. Auch der Absatz von Citalopram, Mirtazapin und ähnlichem floriert in dunklen Zeiten. Aber das ist eine andere Geschichte. Oder auch nicht.  

Pascal Morché

Pascal Morché

QUIET WORDS ist die gar nicht so stille Betrachtung des ultimativ Weiblichen, eine politisch unkorrekte Kolumne, deren Verfasser die Frauen kennt, sie liebend gerne beobachtet und seine Gedanken hier exklusiv niederschreibt.

Der bekannte Journalist Pascal Morché gilt als pointierter Autor, seine Kolumnen und Kommentare in führenden Tageszeitungen und Magazinen wie FAZ, SPIEGEL, die ZEIT und FOCUS zu Themen der Gesellschaft, Mode, Kunst und Kultur sind legendär. Seine "Lesungen der besonderen Art" haben Kultstatus. Seine Bücher "365 Tage Fashion" gelten als Bibel für Fashion Victims. 
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