QUIET WORDS

Betrachtungen des ultimativ Weiblichen

Zum Dahinschmelzen

Am Eisgenuß sollt Ihr die Menschen erkennen – zumindest Mann und Frau.

Eiszeit eissalon© Pascal Morche


Ich bin treu! Dieses Bekenntnis Ihres Kolumnisten sollte Ihnen doch gefallen. Frauen mögen Männer, die treu sind. Oder? Also, ich finde, treue Männer sind auch schnell langweilig, uninspiriert, unflexibel, konservativ, Frauen sehen das vermutlich anders. Aber ich bin ja auch keine Frau. Leider! Nun -  ich will hier ja nicht über Treue schreiben, sondern über Eiscreme.

Und gerade in diesem eisigen Zusammenhang, erkläre ich nochmals: Ich bin treu. Das heißt nämlich: ich wähle unter allen mir dargebotenen Eissorten immer nur Amarena/Vanille! Und sonst nichts! Und das seit Jahrzehnten! Und das für immer und ewig! Die größtmögliche Abwechslung, die ich beim Genuß von Amarena/Vanille eingehe, besteht vielleicht noch aus einer zusätzlichen Portion Schlagobers „oben drauf“, quasi als add-on. Ansonsten: Amarena/ Vanille. Keine Experimente also! Kein Risiko! Mit Schoko-Chili-Crème, Zitrone-Basilikum-Sorbet, Sesam-Mascarpone-Gelato oder Matcha-Tee-Eis und ähnlichen sommerlichen Mainstream Hipstertrends kann man mich jagen. Ich verweigere mich allen modischen Eisvarianten und Eisnovitäten. Ich weiß, selbst wenn man sich eine rosarote Brille aufsetzt, werden Eisbären nicht zu Himbeeren. Für mich gilt: old but gold but Amarena/Vanille. Daß Frauen das anders sehen, kann ich verstehen. Frauen sind nun einmal Kalorienrechner. Der martialische Begriff der Eisbombe nebst Lavaströmen süßen Sirups, die sich über Quellwolken von Schlagobers ergießen, lassen Frauen an den dehnbaren Fähigkeiten ihrer engsten Stretchjeans zweifeln. Deshalb wählen Frauen ja so häufig Wassereis und Sorbets. Deshalb verweigern sie sich auch der Eiswaffel, respektive dem Eisstanitzel, so wie der Atheistt sich der aus ähnlicher Konsistenz bestehenden Hostie verweigert.

Sie sehen, am Eisgeschmack erkennt man den Menschen. Ich liebe Eissalons (in Deutschland auch Eisdielen genannt); ich liebe die Gelateria an der Straßenecke. Im Frühsommer lasse ich mich hier regelmäßig überraschen, wie teuer die Eiskugel dieses Jahr geworden ist. In der Gelateria kann der Mensch schmelzende Inflation erleben: In dem von mir favorisierten Eissalon stand der Preis pro Kugel vergangenes Jahr noch bei 1,20 Euro, dieses Jahr sind wir bei 1,30. Wo soll das nur hinführen? Und noch als ein weiteres Indiz flüchtigen Lebens dient das Eiscafé an der Straßenecke: dass der Sommer irgendwann um ist, merkt man daran, dass eben die Gelateria schließt und hier bald wieder Lebkuchen verkauft werden.

Hoffentlich war der Sommer dann, Rainer Maria Rilke entsprechend „sehr groß". Wer jetzt kein Eis hat, der schleckt nimmer eins. Die I-Tüpferl-Reiterinnen unter meiner geneigten weiblichen Leserschaft werden nun einwenden: Eis gibt es das ganze Jahr. Nun, die Gelateria, das Eiscafé ist doch etwas ganz anderes als die hart gefrorene Familien-Packung aus der Tiefkühltruhe. Die Gelateria im Sommer ist Italianità pur: Vespa, Waffel, quengelnde Kinder, bunte Plastiklöffelchen; das ist Audrey Hepburn im Pünktchenkleid und Damensitz auf der Vespa in „Ein Herz und eine Krone“. Im Eiscafé lebt noch die heile Welt der 50er- und frühen 60er-Jahre. Und jede Stadt hat natürlich „ihr“ einzig wahres Eis-Eldorado. In München „Sarcletti“, in Wien „Tichy“! Eissalons heißen ja nicht ohne Grund Venezia, Gino, Teatro, Rialto, etcetero... Ein Gelato zu genießen, ist nämlich etwas Mobiles. Man muß schließlich gegen die Zeit, also gegen die Schmelze anlöffeln. Schneller schlecken als es schmilzt – es leben Jamben und Stabreim auch jenseits Wagnerscher Operndichtung! Eis ist mobil und sein Genuß ist flüchtig.

Wer beim Eisessen sitzen will, dem bleiben jene Stühle des Eiscafés in abenteuerlichem, italienischen Infantil-Design . Sitzen ist immer gleich teuer. Aber dafür kann man die Eiskarten studieren. Ich liebe diese colorierten Büchlein auf den kleinen Tischchen, die so bunt und kitschig sind, als habe Jeff Koons sie entworfen. Dekadenz der Opulenz! Diese hochglänzenden Bilder jener Pokale voller Frucht und Eis, die dann in der Realität als gigantische Riesenbecher auf die Tischchen kommen. Sie lassen vergessen, dass hinter diesen Rieseneisbechern und Bananensplit-Schiffchen so oft und so gerne Rentner in Shorts und Klettsandalen sitzen, um mit ihren überlangen Löffeln im süßkalten Eisparadies zu stochern. Ich muß übrigens bei diesen Löffeln immer an gynäkologisches Grundwerkzeug denken. Und achten Sie bei Ihrem nächsten Gelateria-Besuch einmal darauf, wie verschieden Eis gegessen wird. Ich mag zum Beispiel überhaupt nicht, wenn sich jemand den Löffel  wieder aus dem Mund zieht und das Eis in der Löffelmulde zurückbleibt. Auch gibt es die Extremgenuss ausstrahlende Eis-Ess-Variante, sich den Löffel nebst Eiscreme in den Mund zu schieben, ihn im Mund umzudrehen und ihn sodann in slow motion wieder aus dem Goscherl herauszuziehen. Sieht sehr erotisch aus, diese Löffel–Zungen–Pirouette; bei Männern wirkt sie aber doch ein wenig arg feminin.

Nun ist der Genuß von Eis ja per se sehr erotisch und logischer Weise nichts für frigide Menschen. Das wäre ja auch ein Widerspruch, ein Paradoxon, ein Oxymoron: Frigidität und Eisgenuß? Das geht gar nicht. Werber wissen das! Werber kennen sich aus mit den geheimen Wünschen und Gelüsten der Menschenseele. Deshalb scheinen sie Speiseeis aus der Tiefkühltruhe des Supermarktes immer über sexuelle Anzüglichkeiten verkaufen zu müssen. Es gibt Magnum-Werbung, bei der es dem Betrachter schon sehr schwerfällt, nicht an einen perfekten blow job zu denken. Kreationen von Eisnamen wie „Flutschfinger“ oder „Ed von Schleck“ erinnern erstmal an guten, geilen Sex; und wenn der Slogan „Nogger Dir einen“ nicht als eine eindeutige Aufforderung zur Masturbation verstanden wird, dann glaub ich nicht mehr an Genderstudies und will fürderhin den Rest meines Lebens als weibliches Ampelmännchen am Hietzinger Kai verbringen. Ich schweife ab... Und deshalb, liebe Leserin, die Kolumne ist jetzt fertig geschrieben. Ich gehe jetzt zum Venezia und kaufe mir zwei Kugeln Eis: Amarena/Vanille. Was sonst!

Pascal Morché

Das Bild wurde freundlicherweise von Pascal Morché zur Verfügung gestellt, der mit großer Begeisterung die Karte des Eissalons Venezia in München portraitierte.

#pascalmorche

Pascal Morché

QUIET WORDS ist die gar nicht so stille Betrachtung des ultimativ Weiblichen, eine politisch unkorrekte Kolumne, deren Verfasser die Frauen kennt, sie liebend gerne beobachtet und seine Gedanken hier exklusiv niederschreibt.

Der bekannte Journalist Pascal Morché gilt als pointierter Autor, seine Kolumnen und Kommentare in führenden Tageszeitungen und Magazinen wie FAZ, SPIEGEL, die ZEIT und FOCUS zu Themen der Gesellschaft, Mode, Kunst und Kultur sind legendär. Seine "Lesungen der besonderen Art" haben Kultstatus. Seine Bücher "365 Tage Fashion" gelten als Bibel für Fashion Victims. 
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