QUIET WORDS

Alltags-Betrachtungen von Pascal Morché

Hungern in der Ehe

Heute geht’s um absurde Studien, abstruse Statistiken und den absoluten Glauben daran.

absurde Studien, abstruse Statistiken und der absoluten Glauben daran.© Pixabay

Endlich gibt es mal wieder eine Studie, die sich einem bisher noch nicht dagewesenen, aber von uns allen sehnlichst erwarteten Thema widmet. An der University of Warwick hat man sich nämlich an der Frage abgearbeitet: Machen verheiratete Frauen mehr Diäten oder Alleinstehende?

Nun, zweitausend Frauen nahmen an der Studie teil und wurden nach ihrem Essverhalten befragt. Überraschung: Verheiratete machen mehr Diäten als Single-Frauen. Genauer: 40 Prozent hungern mit Heiratsurkunde, 30 Prozent ohne. Kaum gibt’s eine Studie, muss diese auch interpretiert werden. Warum also fasten mehr Frauen in der Ehe als Alleinstehende? Erste Interpretation: Zu zweit macht Hungern mehr Spaß; vielleicht macht der Mann gerade Diät und die Frau wird dadurch zum Mitmachen animiert. Die zweite Interpretation der Studie ist deutlich verwegener: Einige Frauen hätten vielleicht eine mögliche Scheidung im Sinn – und eine schlanke Figur erleichtert ihnen die Suche nach einem neuen Partner. Die Frau macht sich also in der Ehe fit für den nächsten Mann (honi soit qui mal y pense).

Der ganze Blödsinn einer Studie fließt dann stets in eine noch viel blödsinnigere Statistik ein. Eine Statistik ist bestenfalls ein Subunternehmen der Halbwahrheit. Sie ist Hokuspokus und Kaffeesatzleserei. Hier darf jetzt nicht das Winston Churchill zugeschriebene Zitat fehlen „Ich glaube nur einer Statistik, die ich selbst gefälscht habe.“ Stimmt ja auch! In einer Statistik kann man alles zu allem in ein Verhältnis setzen: Eine Küchenschabe ohne Kopf lebt statistisch durchschnittlich acht Tage länger als eine geköpfte Feldmaus. Besonders spektakulär werden Statistiken, wenn man sie auf sich selbst anwendet: Selbstverständlich besteht für mich „rein statistisch“ jederzeit die Möglichkeit von einem Meteoriten erschlagen zu werden. Also: Don’t look up! Eine Statistik sagt auch, dass pro Jahr drei bis sieben Menschen an einem Blitzschlag sterben. Werde ich dazu gehören? Und falls ja, trauert hier jemand dieser Kolumne nach? „Rein statistisch“ leben Rechtshänder im Durchschnitt übrigens neun Jahre länger als Linkshänder. Glück gehabt! Es ist auch wahrscheinlicher, dass man im Lotto gewinnt, als von einem Hai angegriffen zu werden. Und weil wir schon im Wasser sind: statistisch kommt der Mensch bei einer Stunde Schwimmen in einem städtischen Schwimmbad mit einem halben Liter Urin in Kontakt. Und wussten Sie, liebe Leserin, dass „statistisch gesehen“ der gefährlichste Beruf der Welt jener des Präsidenten der Vereinigenten Staaten von Amerika ist? Von 46 US-Präsidenten kamen fast 10 Prozent durch einen Arbeitsunfall oder ein Attentat zu Tode. Jeder zehnte US-Präsident stirbt also im Job. Diese Todesrate schaffen nicht mal Fensterputzer, Bergleute, Berufssoldaten oder Hochseefischer!

Über das Mann/Frau-Verhältnis werden natürlich besonders gern Studien und Statistiken gemacht. Rein statistisch gehen mehr Frauen fremd. Statistisch verunglücken als Beifahrer mehr Frauen als Männer im PKW und statistisch machen eben auch mehr verheirate Frauen Diät als Unverheiratete das tun. Und was sagt uns das? Nichts! Absolut nichts! Aber Studien und Statistiken bleiben das liebste Futter der Medien. Und das Schlimmste, das einem Stück Wahrheit passieren kann ist, Teil einer Studie zu sein und danach in einer noch so abstrusen Statistik beerdigt zu werden. Die Leichenfledderer werden dann den „repräsentativen Durchschnitt“ schon herausschälen. Und er ist genau das, was mich an Statistiken zutiefst stört: Der „repräsentative Durchschnitt“ auf den immer alles hinausläuft.

Durchschnitt stört mich immer. Und deshalb nehme ich auch keine Statistik ernst. Wenn ich Ihnen jetzt nämlich sage: Ich bin einmalig, so mögen Sie, liebe Leserin, das wahrscheinlich für größenwahnsinnig halten. Aber ich kann Ihnen versichern: rein statistisch stimmt es.

 

#pascalmorche

ÜBER DEN AUTOR

QUIET WORDS ist die gar nicht so stille Betrachtung des ultimativ Weiblichen, eine politisch unkorrekte Kolumne, deren Verfasser die Frauen kennt, sie liebend gerne beobachtet und seine Gedanken hier exklusiv niederschreibt.

Der bekannte Journalist Pascal Morché gilt als pointierter Autor, seine Kolumnen und Kommentare in führenden Tageszeitungen und Magazinen wie FAZ, SPIEGEL, die ZEIT und FOCUS zu Themen der Gesellschaft, Mode, Kunst und Kultur sind legendär. Seine "Lesungen der besonderen Art" haben Kultstatus. Seine Bücher "365 Tage Fashion" gelten als Bibel für Fashion Victims. 
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