QUIET WORDS

Betrachtungen des ultimativ Weiblichen

„Die Maske vor die Maske“

Vom Mundschutz zum Maulkorb ist’s nicht sehr weit.

Leider lebe ich, wie den aufmerksamen Leserinnen bekannt ist, in Deutschland. Also, nicht ganz schlimm in Deutschland, ich lebe wenigstens in München . Was das Corona-Management betrifft, kann man nur bewundernd von hier nach tu felix Austria blicken.  Früher als bei uns nahm man hier kein Blatt vor der Mund, sondern gleich ein Stück Stoff. Klare Ansagen gegenüber den Bürgern zahlen sich aus. Wir sind beim Thema, der Mund-Nasen-Schutzmaske.

Nasen-Mun-Schutz von Teller, Landstrasse© Teller

Bei uns wurden die Dinger erst verlacht, dann empfohlen, dann verpflichtet. Und genug davon haben wir auch nicht. Nun, früher gab’s mal ein Vermummungsverbot, jetzt gibt’s ein Vermummungsgebot. Früher gab’s Diskussionen, ob man als Motorradfahrer zum Bezahlen in der Tankstelle den Helm auflassen darf, oder ob sich Frauen mit Burka oder Hijab durch Fußgängerzonen bewegen dürfen. Früher war alles anders, da waren nur Bankräuber maskiert, heute sind es auch die Bankangestellten. Aber, das war ja auch vor langer, langer Zeit; also vor vier Monaten... und weil wir in Deutschland sowenig Mundschutzmasken haben, werden diese fleißig genäht. Man ist  kreativ, funktioniert Kaffeefilter um oder Staubsaugerbeutel. Gummibandl dran und endlich weiß der Mensch, wofür er Ohren hat. Der Maler van Gogh hätte durchaus ein Problem, eine Mund-Schutz-Maske zu tragen.

Ich habe mich für kleine Stoffstückchen nie interessiert, außer es handelte sich um jene Bikini Slips des australischen Herstellers Wicked Weasel . Dass man nun solch kleine Einteiler vor Mund und Nase tragen solle, leuchtet mir ein. Wer will eine Covid-19-Virenschleuder sein? In Deutschland haben wir zwar Lieferprobleme mit diesen Atemschutzmasken, weshalb die Verpflichtung, welche zu tragen etwas paradox ist - aber bei uns ist vieles paradox. Außerdem meine ich, es gibt sowieso immer mehr Masken als Gesichter. Überall. Nun hat endlich auch unsere (modische) Eitelkeit die Mundschutzmaske entdeckt. Man kann sich auf dem Stückchen Stoff „in Szene setzen“, Werbebotschaften kund tun, witzig oder peinlich sein und manchmal wenigstens originell. Wer sein Ego auf dem Mundschutz austobt, bestätigt Oscar Wilde. Der behauptete sehr richtig „Eine Maske verrät mehr als ein Gesicht.“ Kaum zu glauben, dass dies auch auf den Mund-Nasen-Schutz zutrifft. Solche aus Zellstoff, die sind doch wahrhaft für den Plebs. Da kann man ja gleich zu dreilagigem Klopapier greifen. Außerdem fertigen inzwischen H&M ebenso wie Zara und C&A den Mundschutz.

Dem kultivierten Virenschleuderer kann das nicht genügen . Er begrüßt, dass auch Luxusmarken wie Prada, Gucci, Burberry oder Chanel teilweise die Fertigung von Glamour auf wenig glamouröse Atemschutzmasken und Schutzkittel umgestellt haben. Hätte man das den Fashion-People noch vor ein paar Monaten gesagt, sie wären vor Lachen aus ihren Bottega-Sandalen gekippt. Inzwischen wird der Mundschutz auch als Werbefläche erkannt. Louis Vuitton’s markige Initialen verwirren Covid-19-Viren. Dass man mit einem eher medizinischen Accessoire modisch Furore machen kann, bewies schon die schicke, zu Krawatte und Pochette passende Hérmès-Hand-Camouflage des seligen Wiener Bürgermeisters Helmut Zilk. So macht man vielleicht nicht aus der Not eine Tugend; aber doch mit dem Makel einen Scherz. Also: nehmt das Ganze nicht so ernst. Chapeau!

Ich will nicht sterben, im Moment; und auch niemanden töten, eigentlich. Deshalb werde auch ich im Supermarkt und in Öffis eine Mundschutzmaske tragen (müssen). Ich werde sie mir selbstverständlich von „Knize“ am Graben in Wien nach Maß fertigen lassen. Und auch eine Hochzeit würde mich in diesen Corona-Zeiten nicht schrecken: „Teller “, der Wiener Spezialist für Hochzeitsmode bietet einen „festlichen Mundschutz“, individuell abgestimmt für die Braut und den Bräutigam. Der Hochzeitsausstatter verspricht, dass die Hochzeit „zu einem modischen Erlebnis“ wird, dank handgearbeitetem Mundschutz. „Sei es mit Spitze und Tüll für die Schutzmaske der Braut oder farblich abgestimmt auf den Hochzeitsanzug des Bräutigams.“ So macht Heiraten unter strengen Sicherheitsbestimmungen im Wonnemonat Mai wieder richtig Spaß. Wirklich? Man stelle sich vor: Zungen, die sich beim Küssen leidenschaftlich durch Brüsseler Spitze bohren. Das wäre gar nicht gut und außerdem muss in der Hochzeitsnacht der Sicherheitsabstand gewahrt bleiben. 

#pascalmorche

Pascal Morché

QUIET WORDS ist die gar nicht so stille Betrachtung des ultimativ Weiblichen, eine politisch unkorrekte Kolumne, deren Verfasser die Frauen kennt, sie liebend gerne beobachtet und seine Gedanken hier exklusiv niederschreibt.

Der bekannte Journalist Pascal Morché gilt als pointierter Autor, seine Kolumnen und Kommentare in führenden Tageszeitungen und Magazinen wie FAZ, SPIEGEL, die ZEIT und FOCUS zu Themen der Gesellschaft, Mode, Kunst und Kultur sind legendär. Seine "Lesungen der besonderen Art" haben Kultstatus. Seine Bücher "365 Tage Fashion" gelten als Bibel für Fashion Victims. 
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