QUIET WORDS

Betrachtungen des ultimativ Weiblichen

#ich auch!

Ihr Kolumnist hat eine beauty-Messe in Zeiten der Sexismus-Debatte besucht. Jetzt versteht er die Welt (fast) gar nicht mehr.

Bunte Beauty Days© TURNEN MIT BARBARA BECKER - Photo by Joerg Koch/Getty Images for Hubert Burda Media

„Eigentlich könnte ja alles so schön sein: Es gibt in unserer Welt keine Probleme außer Laktoseintoleranz oder Glutenunverträglichkeit. Vielleicht muß man sich auch der brennenden Frage stellen, ob man nun einen Neuwagen besser noch dieses Jahr kauft, damit der die Steuer des ablaufenden Jahres drückt? Aber sonst? Alles Paletti. Die Welt wird immer schöner.

Besonders die Frauen werden immer schöner! Das habe ich gesehen, als ich neulich das Beauty Forum München besuchte. Auf Europas Kosmetik-Fachmesse Nr.1 (siehe auch Video ) ging es in vier riesigen Messehallen nur um die Fragen: Wie werde ich nicht alt? Wie bleibe ich schön und begehrenswert? Wie kann ich meinen Sex-Appeal hervorheben? Kurz: Was kann ich tun, damit Männer mit mir Sex haben (wollen)? Ich war bei dieser Monsterveranstaltung genau richtig. Denn, wie Sie, mir freundlich zugeneigte Leserin dieser Kolumne, ja längst wissen: Ich liebe, bewundere, verehre und beneide Frauen. Das lässt sich auch noch differenzieren: Ich liebe und bewundere Frauen um ihre Schönheit und ihren Sex-Appeal und ich verehre und beneide sie darum, diese Schönheit und diesen Sex-Appeal auch noch möglichst plakativ ausstellen zu können. Auf der Beauty-Messe war ich, (von einigen Schönheitschirurgen abgesehen) einer der wenigen heterosexuellen Männer.

Es war großartig: Nie sah ich so viele Frauen, die wirklich und offensichtlich alles dafür tun, um „angemacht“ zu werden. Viele Frauen waren übrigens mit einem Rollkoffer bewaffnet. Dieser ist am Anfang eines Messetages leer und an dessen Ende gefüllt mit Proben, Tiegelchen und Tuben, Spraydosen, Flakons, Pinselchen, Nagel-Polierfeilen und dergleichen Spielzeug mehr. Diese Beauty-Messe war für viele Frauen eine klare Rechnung: 30 Euro Eintritt lohnen sich für den Messetag, wenn dieser mit Proben im Wert von 60 Euro endet. An den Messeständen sah ich Frauen, die sich alles ins Gesicht salben, was auch nur annähernd den Aggregatzustand des Flüssigen erreicht hat. Ich sah wie sie sich Nadeln in die Stirn stechen lassen, um sich zu botoxen; ich sah Fingernägel von abenteuerlicher Buntheit und Länge; Hairextansions von antropologischem Interesse; Aussteller, die „Beauty-Music“ anboten, sanft-softer Klingaklanga-Sound zur Meditation in Wellness-Oasen. Ich sah Frauen, die sich vor Babs Becker auf den Messeboden warfen, um sofort im Hier und Jetzt schlaffe Muskulatur wegzuturnen. Männer sah ich also kaum (das finde ich immer sehr angenehm). Nur bei einer Podiumsdiskussion diskutierten mehrere Änderungsfleischhauer über „Taillenabsaugen und Popoaufspritzen“. Die Herren Schönheitschirurgen trugen bei diesem Gespräch über Fettverlagerung allesamt edles Tuch und gute Schuhe. Sie waren stark gebräunt, hatten unisono eine leichte Tönung im gefönten Haar und ihre teuren Armbanduhren waren als deutlich sichtbares Zeichen ihrer prosperierenden Geschäfte weit auf die Handrücken gerutscht.  

Wanderer kommst Du nach Spa... ich sah sie liegen, die Frauen, wie das Naturgesetz es befahl : Frauen auf Behandlungstischen unter einziehenden und einwirkenden Gesichtsmasken, ihre Michael-Kors-Taschen zwischen den Beinen fixiert. Ich sah sie gieren nach jedem Serum, das irgendwie Faltenlosigkeit verspricht und hörte sie nach jeder Tattoonadel jauchzen, die ihnen ein Permanent-Make-up auf ewig zeichnen möge. Die meisten Frauen waren 50+ und sahen, dank der hier ausstellenden Industrie aus wie 40+. Okay, der Scherz von mir als „Milfhunter“ wird in dieser Kolumne nicht schon wieder gemacht. Aber ich muß noch anmerken, wie begehrenswert die Frauen sich für das Messehochamt kleideten und stylten: sie trugen kürzeste Kleider, höchste Heels und längste Stiefel. Vor allem aber lächelten mich in hautengen, scheinbar auf die Beine gepinselten Lackleggins so viele Camel-Toes verführerisch an, dass ich das permanente senkrechte Lächeln in der Triebzone Messehalle nur noch in toto lächelnd und flirtend erwidern konnte. Hoppla: Bin ich nun ein Sexist?

Irgendwie ist das alles doch ziemlich paradox : Frauen, die alles tun, um begehrenswert zu sein und um Komplimente zu erfahren, können doch nicht die selben Frauen sein, die bei einem bloßen Kompliment sich bereits entrüstet dem kollektiven Opferkult hingeben und #MeToo als SOS morsen. Und alle dürfen mitmachen: Ob Vergewaltigung oder unbedarfte Berührung in der Disco, ob Belästigung am Arbeitsplatz oder ein anstössiger Witz, alles zählt als Übergriff. Dass durch diese Vermischung die ernsthaften Fälle – die zweifellos bekämpft und juristisch geahndet werden müssen – bagatellisiert werden, ist ja egal. Jede Frau, die nach PR giert (und das tut tatsächlich jede Frau) will bei #MeToo dabei sein, Opfersein als Gemeinschaftserlebnis. Ein Blick zu lang auf’s Camel-Toe und raus bist Du! Denn Sittenstrolche haben Konjunktur, Harvey Weinstein „The Pig“ ist überall, Grapsch-Greise wohin die Frau nur blickt. In den USA steigt bei der Arbeit kein Mann mehr alleine mit einer Frau in den Lift. Zu gross ist die Gefahr, danach einem Verfahren wegen Belästigung ausgesetzt zu sein. Denn, alle Jahre kommt nicht nur das Christkind zu uns wieder.

Wir erinnern uns, (oder wir erinnern uns nicht) vor ein paar Jahren nannte sich die Kampagne #Aufschrei. Nachdem ein älterer Politiker abends an der Hotelbar einer Journalistin das, nicht gerade sehr geistreiche Kompliment gemacht hatte, ihr Dekolleteé käme in einem Dirndl recht gut zur Geltung, ging’s so was von rund in den Medien mit der Sexismus-Debatte. Vergessen, der Politiker und die Journalistin ebenso. Sie hatte ihren Scoop. War kurz bekannt, dank der Schubkraft politisch korrekten Tugendfurors. „15 minutes of fame“. Andy Warhol, Du hattest ja so recht... Zwischen #Aufschrei und #MeToo liegen ja auch ein paar Jährchen und in diesen gab es jede Menge Beauty-Messen einzig veranstaltet zum Zwecke männlichen Begehrens.

Inzwischen sind wir Männer vollkommen eingeschüchtert. Klare Regeln zwischen Mann und Frau gibt’s nur noch im Swingerclub. „Ein Nein ist ein Nein“ heißt es dort. Oder „Alles kann, nichts muß sein“. Und vergessen sollten wir auch das Eine nicht: Wegen der Frau sind wir aus dem Paradies geflogen. Eva wurde übergriffig. Nicht Adam. Oder werden Sie doch einfach mal nostalgisch: klicken Sie auf Youtube die Talkshow „Je später der Abend“ von 1974 an: Romy Schneider tätschelt da einen gewissen Burkhard Driest und gurrt dazu die berühmt gewordenen Worte „Sie gefallen mir. Sie gefallen mir sehr“... Wann beginnen wir Männer endlich, uns vor solchen Übergriffen zu schützen? Ich hoffe nie.

Pascal Morché

#pascalmorche

Pascal Morché

QUIET WORDS ist die gar nicht so stille Betrachtung des ultimativ Weiblichen, eine politisch unkorrekte Kolumne, deren Verfasser die Frauen kennt, sie liebend gerne beobachtet und seine Gedanken hier exklusiv niederschreibt.

Der bekannte Journalist Pascal Morché gilt als pointierter Autor, seine Kolumnen und Kommentare in führenden Tageszeitungen und Magazinen wie FAZ, SPIEGEL, die ZEIT und FOCUS zu Themen der Gesellschaft, Mode, Kunst und Kultur sind legendär. Seine "Lesungen der besonderen Art" haben Kultstatus. Seine Bücher "365 Tage Fashion" gelten als Bibel für Fashion Victims. 
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