QUIET WORDS

Betrachtungen des ultimativ Weiblichen

Überraschung! Überraschung!

Frauen lieben Überraschungen. Warum nur? Ich, Ihr hoffentlich noch immer geschätzter Kolumnist frage mich das schon lange. Seit meiner Schulzeit frage ich mich das – und die ist ewig her. Ich weiß, dass mir nämlich damals bereits auffiel, dass Schulmädchen immer ihre Hoffung auf den roten Kaugummiautomaten setzten. Ja, sie hofften, dass der ihnen doch bitte, bitte keine dieser toxischen, bunten Kaugummikugeln ausspucke, sondern überraschenderweise einen schönen goldenen Plastikring mit einem schönen bunten Plastikstein. „Einen sogenannten „Kaugummiring“.

Beauty Box

Mit der selben Intention rissen die Mädchen auch Wundertüten auf und schälten sich später dann in die beliebten Überraschungseier. Ich weiß nicht, ob es statistische Erhebungen darüber gibt, aber mir fiel eben auf, dass wir Buben weniger Interesse (und weniger Hoffnung!) hatten als die Mädchen. Hoffnung, dass uns zufällig und überraschend dieses oder jenes begehrte, ersehnte, gewünschte Objekt der Begierde aus Tüte, Ei oder Kaugummiautomaten entgegenpurzelt.

Wenn dann aus Mädchen Frauen geworden sind, nimmt die weibliche Sehnsucht nach Überraschung nicht ab : Frauen lieben Sneakpreviews, jene Überaschungspremieren im Kino. Sie finden  Überaschungsmenüs in Restaurants spannend, so sie nicht Vegetarier sind und sich grundsätzlich von keinem Steakhaus überraschen lassen wollen. Und natürlich lieben Frauen auch Beauty-Boxen, die Überraschungsboxen sind. Warum?

Ich vermute, es ist das hochemotionale Spiel mit dem Konjunktiv, mit der Möglichkeit: Es „könnte“ eine Michael-Kors-Clutch in der Box sein; es könnte sich ja ein Creed-Parfüm-Flakon aus dem Verpackungsmaterial schälen. Die Hoffnung auf Gewinnmaximierung bei überschaubarem Risiko. Und die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Bei einer Frau stirbt sie noch später; beziehungsweise, sie stirbt dann, wenn jeder Mann, rational und analytisch wie er ist, längst jede Hoffnung hat fahren lassen. Vermutlich lässt eine Frau sich auch deshalb immer wieder mit uns ein. Weil sie hofft! Weil sie sich überraschen lassen will. Auch von uns, vom Mann. Denn um jemanden zu überraschen, braucht man Phantasie. Die ist bei uns Männern meist nicht sonderlich ausgeprägt und dennoch geben die Frauen die Hoffnung nicht auf, dass „er“ der eine sein möge, der sie doch positiv überrascht – mit Geschenken, Worten, Taten. Der Mann ist und bleibt das risikoreichste aller Überraschungseier.

Böse Überraschungen will niemand. Das ist klar. Deshalb kauft eine Frau auch nicht „die Katze im Sack“ wenn sie sich bei Beauty.at ihre Beautybox bestellt. Die Verlagskatze springt ihr da nicht entgegen. Denn, was heißt das, „die Katze im Sack zu kaufen“? Früher stopften Händler auf Märkten oft eine Katze statt des vereinbarten Ferkels oder Kaninchens in einen Sack, um einen Kunden zu betrügen. Sie merken, ich nähere mich zaghaft, doch geschickt wieder einmal dem schwarzen Redaktionstier an, denn Blunzi findet das Bild von der Katze, die man im Sack kauft, ziemlich despektierlich. Schließlich hält sie sich im Wert einem Ferkel oder Kaninchen ohnehin für weit überlegen.

„Schatz, damit habe ich nun aber wirklich nicht gerechnet“ , diesen Satz sagt sogar jene Frau, die sonst kühl kalkulierend durch ihr Leben geht. Neben der Überraschung an sich liebt sie nämlich genauso sehr den Überraschungs“moment“. Surprise! Surprise! Und der Schachtelteufel springt aus der (Beauty)-Box – man weiß nur eben nicht: wann. Eine Frau ahnt, was schon Wilhelm Busch dichtete: „Stets findet Überraschung statt. Da, wo man’s nicht erwartet hat“ . Eine Überraschung ist also das Erleben unvorhergesehener Situationen, Gefühle oder Begegnungen; oder auch unerwarteter Worte oder Geschenke. Fast immer löst Überraschendes Verwirrung und/oder eine heftige Emotion – und daher auch meistens spontane körperliche Reaktionen wie Blickwechsel, Aufschauen, Kopfschütteln, Erröten oder Lachen aus. Auch unkontrollierte Ausrufe („Nein!“, „Wahnsinn!“) oder gutturale Eruptionen („Wow!“, „Boaaaa!“, „Ups“) können Überraschungen zur Folge haben: Jeder, (wirklich jeder!) Mann kennt solche Laute, wenn eine Frau eine Beauty-Box öffnet oder ein Geschenk auspackt. Die Frau entwickelt beim Auspacken eines Geschenks nämlich immer eine ganz eigene Grazie. Immer stellt sie sich die Frage: Was mag da drinnen sein? Es raschelt. Vorsichtig entwirrt sie eine Schleife. Vielleicht schüttelt sie das in Geschenkpapier eingeschlagene kleine Päckchen. Glucksende Geräusche lassen sie dann auf flüssigen Inhalt schliessen. Das Erkennen des Aggregatzustands quittiert die Beschenkte mit einem Lächeln: Aha, ein Duft! Doch welcher? Sorgfältig öffnet die Frau die Klebestreifen, entfaltet das Papier, will es nicht verletzen...... Ist Ihnen das auch schon aufgefallen: Je sorgfältiger jemand ein Geschenk auspackt, desto mehr achtet er denjenigen, der es eingepackt hat.– Der Reiz eines Präsenz drückt sich aus im Spiel mit dem Unbekannten. Da ist sie eben, die Überraschung: Was ist da drin? Da ist sie, die Spannung, die fragt: ist es das, was ich mir gewünscht habe? Unter dem Geschenkpapier, in einer Box, einem Kisterl, in einem Sackerl wird ein Produkt anonym. So kunstvoll getarnt, will es überraschen, irritieren. Es kalkuliert mit einer positiven Schrecksekunde.

Frauen, das weiß alle Psychologie, Frauen sind emotionaler als wir Männer, sie stehen Emotionen offener gegenüber. Allein deshalb lassen sie sich so gerne überraschen. Und wenn sie niemand überrascht, dann beschenken sie sich eben auch mal selbst. Sie freuen sich gar arg über Packerl und Sackerl, über Kisterl und Tascherl. Ich sehe sie nachts surfen bei Amazon, Zalando & Co. Und dann: Welch Jauchzen im Haus, wenn der Postmann zweimal klingelt! Das Packerl ist zwar erwartet – und es ist dennoch irgendwie eine Überraschung.

Wir Männer sind weniger leicht zu überraschen. Emotion ist unsere Sache nicht. Zumindest nicht so sehr. Männer begreifen Überraschungen und Überraschungseffekte vielleicht noch im Zusammenhang mit Schrecksekunden, Blitzkriegen oder einem überraschenden Fußballergebnis. Ansonsten erwarten wir keine Überraschungen, sondern dass eben alles genauso läuft wie es in der Betriebsanleitung geschrieben steht. Schade eigentlich. #quietwordspascalmorche

Pascal Morché

Pascal Morché

QUIET WORDS ist die gar nicht so stille Betrachtung des ultimativ Weiblichen, eine politisch unkorrekte Kolumne, deren Verfasser die Frauen kennt, sie liebend gerne beobachtet und seine Gedanken hier exklusiv niederschreibt.

Der bekannte Journalist Pascal Morché gilt als pointierter Autor, seine Kolumnen und Kommentare in führenden Tageszeitungen und Magazinen wie FAZ, SPIEGEL, die ZEIT und FOCUS zu Themen der Gesellschaft, Mode, Kunst und Kultur sind legendär. Seine "Lesungen der besonderen Art" haben Kultstatus. Seine Bücher "365 Tage Fashion" gelten als Bibel für Fashion Victims. 
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