QUIET WORDS

Betrachtungen des ultimativ Weiblichen

Gib Gummi!

Kondome müssen sein. Unserer Gesundheit zuliebe. Ein paar Gedanken, die das Reservoir am Verhüterli zum Platzen bringen.

Diesmal gibt’s hier ein dehnbares Thema: Kondome! Die Pariser platzen – nicht vor Wut wegen der neuesten Unruhen durch Gelbwestenträger, sondern aus Materialschwäche. Ganz konkret: Die Kondom-Hersteller Billy-Boy und Fromm rufen mehrere Chargen ihrer zwischen Juni und August 2019 an den Handel gelieferten Verhüterlis zurück. In einer Tabelle listen die Hersteller 16 fehlerhafte Verpackungssorten von Billy-Boy und drei von Fromms auf. Über die IDENT- oder LOT-Nummer könnten Verbraucher prüfen, ob gekaufte Kondome vom Rückruf betroffen sind. Nun, wer liest IDENT- oder LOT-Nummern auf Tabellen vor dem Sex? Normalerweise ist Mann oder Frau dann damit beschäftigt, die Dinger aus kleinen, runden Plastikverpackungen zu nehmen, die sich meist nur mit den Zähnen öffnen lassen.

Kondome© iStock_Lemontree_images

Wir wissen ja, der Krug geht solange zum Brunnen, bis er bricht und das Kondom...wird nur einmal gebraucht. Wer Kondome an die Hersteller zurückgibt (bitte ungenutzt!), erhält übrigens keinen Schwangerschaftstest zurück („das“ wäre mal ein PR-Gag!) und auch kein ungebrauchtes neues Kondom, sondern den Kaufpreis in voller Höhe und barer Münze. Nun könnte Man(n) mögliche „Materialschwäche“ ja auch als Kompliment verstehen – und die Partei der Grünen in Niedersachsen (das liegt im Norden der Piefkei) wollen Luftballons sowieso verbieten, denn Vögel könnten Gummiteile aufpicken und daran sterben. Missverständnisse also, wohin man sieht und die beginnen bei der Werbung: „gefühlsecht, natürliches Erlebnis, Feuchtigkeitsfilm“ etc.). Aber wer glaubt schon noch der Werbung? Seit über einem Jahr sagt dieselbe Dame in der TV-Werbung, dass sie „parshipt“. Scheint ja gut zu klappen. Seit über einem Jahr?! Soviel zu Wahrheit und Werbung. Doch zurück zum Kondom.

Geschichtliche Ausflüge in einer Kolumne sind schnell langweilig. Dennoch muss es gesagt werden: Schon die alten Ägypter und Römer probierten Sex mit tierischen Därmen, Fischblasen oder feinem Ziegenleder über dem Geschlecht. Später dann beschrieb ein italienischer Anatom, dessen Name klingt wie ein Eissalon, Gabriele Falloppio, als erster die Eileiter der Frau und erfand 1550 an der Universität zu Padua ein medizinisch präpariertes Leinenfutteral. Das Ding (ca. 20 cm lang!) wurde mit einem rosa Bändchen an der Peniswurzel befestigt. Très chic! Erstmals wurde nun auch der Begriff „Überzieher“ gebraucht. Wirklich interessant war bei diesen ersten Präservativen: Sie waren stets als Schutz vor Geschlechtskrankheiten gedacht und nicht als Mittel der Empfängnisverhütung. Das Syphilisbakterium, eingeschleppt durch Seeleute, war schließlich der Aids-Erreger des 16. und 17. Jahrhunderts. Die Libido und das promiske Sexlife des Earl of Condom, jenem in den Ritterstand erhobenem Leibarzt des englischen Königs Karl II. verdankte das Verhüterli im weiteren Verlauf der Geschichte seinen Namen. Der Earl schätzte zur Erhaltung seiner Gesundheit übrigens geölten Schafsdarm am Gemächt. Nach der Erfindung der Vulkanisierung von Kautschuk (1839) stellte Charles Goodyear 1855 das erste Gummi-Kondom her; 1870 mit zwei Millimeter Dicke und erstmals serienmäßig produziert und zum mehrmaligen Gebrauch bestimmt. Goodyear eben. Denken Sie rechtzeitig an die Winterreifen. Der Sommer ist um.

Nach 1930 dachten die Hersteller nicht nur an gesundheitliche Sicherheit, sondern auch an Lustgefühle. Endlich kamen hauchdünne Präservative auf den Markt. Das Überstreifen derselben blieb bis heute ein „hand“werklich (!) mehr oder weniger komplizierter Stülp- und Abrollvorgang – und dies in einem Moment, indem die Konzentration doch eigentlich auf andere Dinge gerichtet ist. Und die Lustgefühle? Nun ja: Gewiss hat sich seit Fischblasen- und Tierdärmen-, seit Ziegenleder- und Kautschuk-Zeiten manches zum Besseren entwickelt, so dass nicht zu schnell das Gefühl aufkommt, man reibe sich an einem Hofer-Sackerl. Und auch die allerneuesten Präservativ-Novitäten, windkanalerprobt, strahlungsresistent, UV-Lichtabsorbierend und vor allem vegan, könnten Mann und Frau irgendwie und irgendwann ans Hofer-Sackerl denken lassen. Also: Wer nicht denkt, hat’s besser. Wieder einmal.

Dennoch: Kondome müssen sein! Aids bereitete der freien Liebe und dem leichtlebigen Sex in den 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts ein jähes Ende. „Wer zweimal mit demselben pennt, gehört schon zum Establishment“ , das war nun vorbei und Safer Sex war angesagt. Zwar hat die Medizin in den vergangenen 30 Jahren große Fortschritte im Kampf gegen Aids gemacht, doch wie einst bei der Syphilis gilt: Es ohne zu tun, ist wie Russisches Roulette. Manche Menschen meinen zwar „no risk, no fun!“ und propagieren AO. Das bedeutet „ALLES OHNE“. Wir wissen ja längst, dass Buchstabenkombinationen auf Nummernschildern von Autos oftmals Kodierungen für sexuelle Spielarten sind. Gehen Sie  mal bewusst und offenen Auges über den Parkplatz eines Swingerclubs:  SM kann, aber muss nicht Siegfried Müller heißen und GB steht nicht immer für Gabriele Bachmeier. Deshalb, machen Sie einen Bogen um Leute, die aus einem Auto steigen, das im amtlichen Kennzeichen AO postuliert. Machen Sie diesen Bogen Ihrer Gesundheit zuliebe. 

#pascalmorche

Pascal Morché

QUIET WORDS ist die gar nicht so stille Betrachtung des ultimativ Weiblichen, eine politisch unkorrekte Kolumne, deren Verfasser die Frauen kennt, sie liebend gerne beobachtet und seine Gedanken hier exklusiv niederschreibt.

Der bekannte Journalist Pascal Morché gilt als pointierter Autor, seine Kolumnen und Kommentare in führenden Tageszeitungen und Magazinen wie FAZ, SPIEGEL, die ZEIT und FOCUS zu Themen der Gesellschaft, Mode, Kunst und Kultur sind legendär. Seine "Lesungen der besonderen Art" haben Kultstatus. Seine Bücher "365 Tage Fashion" gelten als Bibel für Fashion Victims. 
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