QUIET WORDS

Betrachtungen des ultimativ Weiblichen

Igitt: Ist das vulgär!

Er mag’s gern vulgär. Doch bitte nur in Bezug auf Sex. Ist dann irgendwie ehrlicher... aber sonst? Unser Kolumnist über das Leben in höchst vulgären Zeiten.

Istock© iStock_Grigorev_Vladimir

Dieses Mal wird’s nicht ganz so lustig. Eher philosophisch. Jedenfalls glaube ich, dass Sie, meine liebe, geschätzte Leserin, bei diesem Text nicht vor Lachen unter dem Tisch liegen werden. Ich habe dieses Mal das Thema „Vulgarität“ gewählt. Ja ja: jetzt denken Sie vielleicht, ich komme gleich auf mein Lieblingsthema, auf Sex. Dem ist aber nicht so! Wahrscheinlich werden Sie sich wundern, was ich alles als vulgär empfinde: Es ist vulgär im SUV zum Biosupermarkt zu fahren, um einen Liter Sojamilch zu kaufen! Oder am Ende einer Rolltreppe stehen zu bleiben, um eine Whatsapp zu schreiben. Ich finde, es ist auch furchtbar vulgär, von Ikea bis Facebook geduzt zu werden. „Die Vulgarität ist das Zentralübel unseres Epöchleins“, schrieb ein Freund unlängst. Recht hat der Mann.

Sie sehen an den Beispielen, das Vulgäre hat zunächst einmal nichts mit Sex zu tun (wo ich es dann übrigens durchaus sehr schätze, aber dazu später). Also, ich finde zum Beispiel alles Aufdringliche und sich Aufdrängende vulgär. Diese asozialen Netzwerke, also Facebook, Instagram, Whatsapp sind vulgär; ja und FaceTime ist es sogar ganz besonders. Nun, ich kann mir den Widerspruch schon denken, der da jetzt in mancher Leserin keimt. Dennoch bleibe ich dabei: es ist höchst vulgär von jemandem ein Foto aufgedrängt zu bekommen, damit ich sehe, „welchen“ Belag seine Pizza hat oder welches T-Shirt er sich gerade überzieht; ich finde auch FaceTime-Überfälle absolut vulgär, weil indiskret und indezent. OK ist es, wenn man sich zu einem FaceTime-Gespräch verabredet. Aber sonst? Nein, ich will weder beim Einkaufen im Supermarkt oder beim Rasieren im Badezimmer von FaceTime-Anrufern belästigt werden. Vielleicht will ich nämlich, dass mich niemand sieht – oder vielleicht will auch ich jemanden gar nicht sehen. Schon absurd: Das darf man dann niemandem sagen, denn das wäre unhöflich. Deshalb ignoriere ich inzwischen die meisten FaceTime-Anrufe, denn es gibt Menschen, die „nur noch“ so mit einem kommunizieren. Die Hölle ist das! Die Verhöhnung des Privaten. Also, das Vulgäre drängt sich auf. Es ist nicht dezent, es ist nicht diskret, es ist aufdringlich, protzig, plakativ, unsensibel, laut, exhibitionistisch...

Wir leben in äußerst vulgären Zeiten, wo das Laute siegt, das Grobe triumphiert und die Tyrannei der Intimität herrscht. Ändern wird sich das nicht. Denn das Mitteilungsbedürfnis wächst proportional zur Einsamkeit und zur Eitelkeit. Alles, auch was man nicht wissen will, wird allen und einem selbst permanent gnadenlos mitgeteilt. Ständig wird man verständigt. Ob man das nun will oder nicht. Noch die banalsten Banalitäten werden einem in einer Art und Weise mitgeteilt, dass man glauben soll, man selbst sei nun exklusiv auserwählt, von dieser oder jener Mitteilung zu hören. Doch weit gefehlt: Die völlig missratene Tochter der Vertraulichkeit ist die Aufdringlichkeit. Auch der letzte Idiot (politisch korrekt: die letzte Idiotin) meint heute alles aufdringlich posten, twittern, whatsappen oder sonst wie kundtun zu müssen. Wie wäre es, wenn wir – ha, wir sind doch jetzt in der Fastenzeit – unsere vulgäre Kommunikations-Diarrhoe ein wenig zurückschrauben würden? Wie wär’s mit Handy-Fasten? Sehen Sie, liebe Leserin, diese Kolumne ist nicht zum Lachen.

Was aber hilft gegen die uns überall anspringende Vulgarität? Antwort: Verweigerung! Das Dezente hilft, das Stille, das Unaufdringliche. Und vielleicht wundern Sie sich jetzt, aber Luxus hilft gegen Vulgarität. (Nicht Status, denn der ist auch wieder nur vulgär. Status will ja laut ins Auge springen, will gezeigt, gepostet und getwittert sein). „Luxus ist nicht das Gegenteil von Armut, sondern von Vulgarität.“ Ein kluger Satz und er geht weiter: „Luxus heißt ein Stoffmantel mit Seidenfutter oder mit Pelz, aber innen. Nur die Dame allein weiß, dass sie Seide und Pelz trägt. Sie hat es nicht nötig, darauf hinzuweisen. Das ist Luxus.“ Also sprach eine der klügsten Frauen des 20. Jahrhunderts: Coco Chanel. Sie wäre angewidert von der Vulgarität unserer Zeit. Einer Zeit, in der jeder es „nötig“ hat, möglichst plakativ zu zeigen und hinzuweisen.

’Und wo bleibt das Positive, Herr Kolumnenschreiber?’ Vielleicht fragen Sie sich (und mich?) das inzwischen. Ich antworte dazu: In der Erotik! Dort kann das Vulgäre jede Menge Spaß machen – wenn es als ein Tabubruch daher kommt. Wenn es Regeln verletzt, wenn es sich anarchistisch und mutig über das gesellschaftlich Einvernehmliche „das tut man doch nicht“ stellt. Ich finde zum Beispiel, dass Frauen, die auf der Straße rauchen unglaublich vulgär sind. Und ich freue mich jedes Mal, wenn ich auf der Straße rauchende Frauen sehe; gut für mich, dass dieser Anblick dank Antirauchergesetze auch noch im wahrsten Sinne des Wortes „befeuert“ wird. Auch kann das Unperfekte, das Schlampige, das buchstäblich „aus der Form“ Geratene wunderbar vulgär sein. Dazu zählen: Lippenstiftreste an den Schneidezähnen, abgesplitterter Nagellack, ein nicht nachgefärbter Haaransatz, eine Laufmasche in der Strumpfhose; Waden, die aus einem zu engen Stiefelschaft quellen, Fußkettchen, die unter Strümpfen hochgeschupft sind, und natürlich die Mittelnaht einer Jeans oder Leggin, die sich in die weibliche Scham eingefräst hat und die Frau in zwei deutliche Hälften teilt. Kurz: das Cameltoe. „Igitt, ist das vulgär!“, rufen dann jene Saubermänner (politisch korrekt: Sauberfrauen) aus, die viel exhibitionistischer sind, wenn sie ihre Pizza posten.

Eine Frau, die Schlampiges plakativ zeigt, muß keine Schlampe sein. Das Plakative sollte man dann als Bekenntnis zum Leben verstehen. Und eine starke Frau kann dabei auch höchst selbstbewusst  signalisieren „ich denk mir nix dabei“ oder aber „es ist mir wurscht, ob andere das vulgär finden“. Manche Frauen genießen deshalb sogar die Blicke, die sie treffen. Aber nur wenige.

Auf besonderen Wunsch werde ich übrigens die nächste Kolumne zum Thema „Busen“ schreiben: Als buchstäbliche Nahrungsquelle, als sexuelles Attribut, als verherrlichtes weibliches Körperteil. Da fällt mir ein: Ein Silikonrausch macht nicht zwangsläufig betrunken und ist auch nicht unbedingt vulgär. Wie so oft im Leben, geht es eben auch beim „gemachten“ Busen um Qualität und nicht um Quantität. Wie so oft entscheidet auch hier genau „dieser“ Unterschied über das, was „vulgär“ ist und was nicht.

Pascal Morché

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Pascal Morché

QUIET WORDS ist die gar nicht so stille Betrachtung des ultimativ Weiblichen, eine politisch unkorrekte Kolumne, deren Verfasser die Frauen kennt, sie liebend gerne beobachtet und seine Gedanken hier exklusiv niederschreibt.

Der bekannte Journalist Pascal Morché gilt als pointierter Autor, seine Kolumnen und Kommentare in führenden Tageszeitungen und Magazinen wie FAZ, SPIEGEL, die ZEIT und FOCUS zu Themen der Gesellschaft, Mode, Kunst und Kultur sind legendär. Seine "Lesungen der besonderen Art" haben Kultstatus. Seine Bücher "365 Tage Fashion" gelten als Bibel für Fashion Victims. 
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