QUIET WORDS

Betrachtungen des ultimativ Weiblichen

Kommunizieren

Schluss mit der verbalen Mitteilungswut!

Beim Wort „kommunizieren“ zucke ich aus!

Soviel Gequatsche wie heute war nie. Man nennt das aber Kommunikation. Früher haben Menschen sich etwas mitgeteilt, etwas gesagt, erzählt, vielleicht auch „kundgetan“ (total veraltetes Wort, steht unter Artenschutz), geredet haben die Menschen; außerdem haben sie geschrieben. Heute gibt’s das alles nicht mehr, heute wird „kommuniziert“. Das klingt ja auch irgendwie viel schicker, viel bedeutender! Und wer seine Kommunikationskoordinaten oder Kontaktdaten mitteilt, ist ja auch gleich viel wichtiger und smarter als wenn er nur Haus- und Telefonnummer nennt.

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Um mitzumachen am großen Dauerrauschen, an der Permanentdröhnung, am finalen Kakophoniecrescendo des Weltenklangs, um also zu kommunizieren und aus Einsamkeit und Narzissmus teilzunehmen am Trommelfeuer des Postens-Twitterns-Mailens-Bloggens-Simsens-Whatsappens muß man sich in bestimmte Läden begeben. Dort wird die Möglichkeit zur Kommunikation überall angeboten und verkauft. Überall. An jeder Straßenecke gibt es sie, diese Filialen der Hölle, in denen man Seelen abfackelt und ihnen danach Handies und Verträge verkauft.

Es sind die Shops von Mobilphone-Anbietern. Sie dienen dem Zweck, intelligente Menschen mit oder ohne Matura in dem Glauben zu wiegen, sie seien Idioten, weil sie immer nur Bahnhof verstehen. Daraufhin ergeben sie sich dann der uferlosen Verzweifelung beziehungsweise dem Alkoholismus und betreten so jene steil abschüssige Bahn, an deren Ende ein neuer Mobilfunkvertrag steht. Angeblich ist der immer viel günstiger als der alte Vertrag, den man aber immer nur alle hundert Jahre kündigen kann. Und wenn man den Zeitpunkt der Kündigung verpasst hat, dann verlängert sich der Vertrag automatisch um weitere fünfhundert Jahre. Also, wenn Sie sich einmal so richtig über den Tisch gezogen fühlen wollen, dann kommunizieren Sie am besten mit einem Mobilphoneanbieter. Es gibt Menschen, die gehen gerne in solche Shops und lassen sich da beraten, welcher Tarif in welchem Paket (die reden da wirklich immer von Paketen) usw.... Ich halte Menschen, die sich solchen Verkaufsgesprächen freiwillig aussetzen, für Masochisten. Sie gehen in den Shop eines Mobilphoneanbieters, weil eben gerade keine lauschige BDSM-Location mit Andreaskreuzen und Strafböcken in der Nähe ist.

Ehefrauen, die ihren Mann erschießen, haben keinen Anspruch auf Witwenrente . Das ist ja auch in Ordnung so. Arglose Menschen aber, die diesen Kommunikationshändlern mit schmutzigen Fingernägeln, gegelten Haaren überm Undercut und Basiliskenblick aufgesessen sind und die ihren Vertrag kündigen wollen, haben keinen Anspruch mit diesem Kommunikationshändler telefonisch in Kontakt zu treten. Ja, versuchen Sie mal ein Postamt oder eben einen Mobilfunkanbieter anzurufen. Kommunikation verstehen diese satanischen Wesen als Oneway-Ticket. „Don’t call us. We call you!“, was ohnehin soviel bedeutet wie: Du nichtswürdige Kreatur, sei dankbar wenn, beziehungsweise falls wir uns Deiner überhaupt annehmen. „Das Reden basiert auf einer indezenten Selbstüberschätzung“, schreibt einer meiner liebsten Dichter, Hugo von Hofmannsthal, Österreicher natürlich. In dieser Welt ist nichts mehr dezent und deshalb wird gequasselt, was das Zeug hält. Ich habe das Gefühl, nach dem Atomzeitalter sind wir in das Kommunikationszeitalter eingetreten. Das Atomzeitalter haben wir mit knapper Not überlebt – am Kommunikationszeitalter werden wir draufgehen. Es ist so trostlos und macht so traurig, dass unser Leben oftmals nur noch in einem Smartphone-Display stattfindet!“

Und was alles mitgeteilt wird! Welche Hybris müssen Menschen haben, dass sie wie selbstverständlich annehmen, dass ihre Mitmenschen würden Interesse haben an den nichtigsten Nichtigkeiten: Der Belag auf der Pizza, die Luftaufnahmen vom Sushi, sie sind ja noch die harmlose Variante der kommunikativen Umweltverschmutzung. Fotografieren! Filmchen machen! Posten! Twittern! Whatsappen! Simsen! Und vor allem: Quatschen! Immer nur quatschen, beziehungsweise talken. Das klingt besser. Die Käfige der Geschwätzigkeit, Talkshows: „Eine Talkshow ist wie ein Besuch am FKK-Strand – man sieht alles, aber es ist völlig uninteressant“, schreibt der deutsche Schriftsteller Bodo Kirchhoff. Ach, sie ist sehr obszön geworden, die Tyrannei der Intimität. Es ist zum Fremdschämen, was uns an Kommunikation zugemutet wird; es ist zum Verstummen. Ihrem Beauty.at-Kolumnisten verzeihen Sie bitte, dass sein Text heute hier endet.

#quietwordspascalmorche

Pascal Morché

Pascal Morché

QUIET WORDS ist die gar nicht so stille Betrachtung des ultimativ Weiblichen, eine politisch unkorrekte Kolumne, deren Verfasser die Frauen kennt, sie liebend gerne beobachtet und seine Gedanken hier exklusiv niederschreibt.

Der bekannte Journalist Pascal Morché gilt als pointierter Autor, seine Kolumnen und Kommentare in führenden Tageszeitungen und Magazinen wie FAZ, SPIEGEL, die ZEIT und FOCUS zu Themen der Gesellschaft, Mode, Kunst und Kultur sind legendär. Seine "Lesungen der besonderen Art" haben Kultstatus. Seine Bücher "365 Tage Fashion" gelten als Bibel für Fashion Victims. 
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