QUIET WORDS

Betrachtungen des ultimativ Weiblichen

Hände waschen!

Corona: Mit der Zwangsneurose Pilatuskomplex sind Sie zur Zeit klar im Vorteil.

Was weder Greta, noch Donald, noch Andreas Gabalier geschafft haben, einem Virus ist’s gelungen: Alles wird anders! Das hier wird keine lustige Kolumne, liebe Beauty.at-Leserin. Alle Witze über Klopapier und Nudeln sind gemacht. Nicht einmal die Frage wollen wir stellen, ob vielleicht Scheidungsanwälte am Ende die Corona-Krisengewinnler sein werden. Bekanntlich klingeln immer nach wenigen Weihnachtsfeiertagen bei ihnen die Telefone. Wie wird es erst nach einigen Wochen häuslicher Quarantäne sein? Diese Zeit ist auch ein Stresstest für „verpaarte“ Menschen, die sich als Paar nicht mehr aushalten – wahrscheinlich, weil sich jeder von ihnen schon allein für sich nicht aushielt.

Washyourlyrics.com© www.washyourlyrics.com


Nein, hier geht es diesmal um Hand Hygiene, also ums Händewaschen!
Weltgesundheitsorganisation, Robert-Koch-Institut, Ärzte und Virologen raten dringend, sich wegen des Coronavirus gründlich die Hände zu waschen. Eigentlich ohnehin eine Selbstverständlichkeit. Oder? In Religion, Kultur und Sprache sind körperliche und seelische Reinheit eng miteinander verknüpft. Reinigungsrituale waren in der Frühzeit des Menschen kultische Handlungen und etablierten sich als solche in vielen Religionen. Kommen wir in unser trauriges Heute. Wegen des Coronavirus kursieren haufenweise Instruktionen im Netz, wie man seine Hände korrekt wäscht, damit Viren, namentlich das Coronavirus, keine Chance haben. Nur, wie lange sollte man sich die Hände waschen und dabei keine Stelle (Finger-Zwischenräume!) auslassen? Die Fachwelt sagt: 20 Sekunden sollten sein. OK, wie lang sind 20 Sekunden? Niemand hat eine Eieruhr am Waschtisch, deshalb als Grundregel für die richtige Dauer: zweimal nacheinander „Happy Birthday“ singen. Nun kann man langsam und schnell singen – bei längeren Werken als „Happy Birthday“  kommt da an Zeit einiges zusammen; weshalb eine Wagneroper ja auch mal eine halbe Stunde kürzer oder länger dauern kann. Aber, wer will schon Opern zum Händewaschen – am Ende heißt’s dann „nicht einmal ein Handtuch haben die Leute“ (Alban Berg „Lulu“).

Ich empfehle hier die unglaubliche Website des erst 17-jährigen Briten William Gibson www.washyourlyrics.com anzuklicken! Ein richtiger Start-Up-Bube, dieser William, der einfach null Bock auf Happy-Birthday-Singen hatte. Er baute eine Website, die Anleitungen zum Händewaschen mit Songtexten generiert. Aber klicken Sie Williams Seite an und erstellen Sie sich ihr eigenes Meme. So kommen Sie dann an ihren Wunschsong mit Händewaschanleitung. Übrigens, der bisher beliebteste Song der Wash-Your-Lyrics-Anleitung ist der Klassiker „Bohemian Rhapsody“ von Queen. Und auch die Twitter-Seite von Generator-Erfinder William ist einen Klick wert in unseren verstörenden Zeiten. Sie sehen, Corona-Krisengewinnler werden nicht unbedingt nur Scheidungsanwälte sein.

„Manus manum lavat“, eine Hand wäscht die andere, befand der römische Philosoph Seneca. In etwa zur gleichen Zeit, 33 Jahre nach Christi Geburt, etablierte sich, erneut durch einen Römer, der zweite bekannte Handwasch-Slogan: „Ich wasche meine Hände in Unschuld“. Bekanntlich sagte dies Pontius Pilatus, jener Statthalter des römischen Kaisers Tiberius in der Provinz Judäa, nachdem er Jesus zum Tod verurteilt hatte. Die berühmt gewordenen Worte verraten, dass dem Mann mit diesem Schauprozess und seinem Urteilsspruch nicht wohl war. Hände waschen reinigt eben auch das Gewissen – zumindest hofft man das. Diese Hoffnung kann aber nicht nur trügerisch, sondern auch krankhaft sein. Die moderne Psychologie begreift den neurotischen Waschzwang als eine Art Reinigen von Schuldgefühlen.

Der kluge Mann aus der Wiener Berggasse 19, Sigmund Freud, sah im zwanghaften Händewaschen einen Versuch, sich vor persönlicher wie kollektiver Angst zu schützen . Schließlich wusch Pontius Pilatus seine Hände in Unschuld, um damit symbolisch seine Ablehnung von Verantwortung auszudrücken. Weil Krankheiten (und krankhaftes Verhalten) immer einen Namen brauchen, bekam das Händewaschen, so es deutlich übertrieben wird und eine Zwangsneurose darstellt, den Begriff „Pilatus-Komplex“. In Zeiten von Corona könnte man beinahe glauben, dass Menschen mit „Pilatus-Komplex“ etwas mehr auf der sicheren Seite sind. Auch in normalen Zeiten (hoffentlich kommen sie wieder) gilt: Hände waschen! Es ist erschütternd, wie viele Zeitgenossen – und zwar gerade Männer! – darauf zum Beispiel nach dem Besuch einer Toilette verzichten. Solche Typen sind eklig „und“ dumm. Machen Sie sich an ihnen nicht die Finger schmutzig.

#pascalmorche

Pascal Morché

QUIET WORDS ist die gar nicht so stille Betrachtung des ultimativ Weiblichen, eine politisch unkorrekte Kolumne, deren Verfasser die Frauen kennt, sie liebend gerne beobachtet und seine Gedanken hier exklusiv niederschreibt.

Der bekannte Journalist Pascal Morché gilt als pointierter Autor, seine Kolumnen und Kommentare in führenden Tageszeitungen und Magazinen wie FAZ, SPIEGEL, die ZEIT und FOCUS zu Themen der Gesellschaft, Mode, Kunst und Kultur sind legendär. Seine "Lesungen der besonderen Art" haben Kultstatus. Seine Bücher "365 Tage Fashion" gelten als Bibel für Fashion Victims. 
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