QUIET WORDS

Betrachtungen des ultimativ Weiblichen

Hohle Glocken – holde Weihnachtszeit

Ihr Kolumnist hat Probleme mit Weihnachten. Zürnen Sie ihm bitte nicht – in der Weihnachtszeit ist doch Frieden angesagt und dass alle Menschen Brüder werden. Politisch korrekt gefragt: Warum werden alle Menschen nicht auch Schwestern?

Xmas beauty weihnachten© iStock_fotohunter

Eigentlich bin ich vorgewarnt: Die Schokoladenweihnachtsmänner stehen schließlich schon seit August in den Supermarktregalen Wache. In den Fenstern der Kaufhäuser sägen Igel und Hasen der Plüschtierfirma Steiff in winterlicher Landschaft Baumstämme und laufen Schlittschuh. Alles mahnt mich seit Monaten vor der sicheren Jahresendfestbesinnlichkeit. Vor allem die Musikbeschallung. Aber erstmal das Positive.

Als Erotomane fasziniert mich diese ganz gewisse Weihnachtsfeier-Erotik, oder vielmehr der knallharte Weihnachtsfeier-Sex. Es ist einfach geil, wenn der Konferenzraum einmal im Jahr zum erotischen Kontakthof wird. Wenn die Kollegin aus der Buchhaltung, die alle das ganze Jahr über für eine graue Maus halten, plötzlich High Heels trägt und sich zur Weihnachtsfeier kurzberockt als der schärfste Feger der Firma outet; wenn das Büro von Marketingleiter Stockmeier von innen verschlossen ist, weil Frau Berger aus dem Vertrieb doch schon beim Punsch mit Stockmeier rumknutschte; wenn beim Wichteln bzw. Engerl-Bengerl-Spiel  ausgerechnet der Chef mit dem Vibrator beglückt wurde... ja, dann eben liegt mit dem kollektiven Besäufnis diese knisternde Weihnachtsfeier-Erotik über großen und kleinen Unternehmen. Und ich frage mich, wie verkrampft wohl der alljährliche Weihnachtsfeier-Geschlechtsverkehr nun in Zeiten der Sexismus-Debatte abläuft?

Also, die Weihnachtsfeier ist das einzig Schöne an Weihnachten. Sonst aber? Diese ganze Gefühlsduselei ist mir ein Gräuel! Ich hege eine tiefe Abneigung gegen Weihnachtsmärkte, die die schönsten Plätze der Städte mit ihrem unsäglichen „Hüttenzauber“-genannten Kitsch verschandeln. Ich habe nie verstanden, was daran romantisch sein soll, bei klirrender Kälte und scheußlicher Nässe im Schneematsch Punsch oder Glühwein von fragwürdigster Qualität zu trinken. Und dann die Musik!

Pseudoklassik und Sakralkitsch dominieren die Weihnachtszeit. „Jauchzet! Frohlocket!“ Was ist in der Vorweihnachtszeit so sicher wie das Amen in der Kirche? Was ist so sicher wie die El-Cóndor-Pasa-Combo vorm Kaufhaus? Es ist der über uns alle kommende, alljährliche Tsunami klassischer – oder vermeintlich klassischer – Musik. Es ist jener Oratorien-Overkill auf Konzertpodien und in Kirchen, jener Zauberflöten-Boom und Nußknacker-Hype an allen Opernhäusern. Als Musikliebhaber wünscht man sich von Anfang November bis zum Heiligen Abend Oliver Cromwell herbei. Jenen Puritaner und Gründer der englischen Republik, der im 17. Jahrhundert die ganze Weihnachtsfeierei inklusive Absingen weihnachtlicher Lieder gesetzlich verbot. Cromwell ist tot; Hansi Hinterseer, Helene Fischer, Andrea Berg aber leben. Sie beschallen uns in weihnachtlichen TV-Sendungen  mit „Gloria in Excelsis Deo“ und dazu fiedelt André Rieu festlich aufgerüscht. Die Wiener Sängerknaben fiepen mit den Regensburger Domspatzen und den Tölzer Knaben um die Wette. Philharmonische Bläser tröten aller Orten und der ganze kommerziell-kitschig-weihnachtlich und angeblich so „besinnliche“ Ohrenschmaus wird gekrönt von jenen Silberscheiben der Klassikstars, die in CD-Playern rotieren.

Sie heißen „Weihnachtsgala der Weltstars“, oder „Christmas Voices“, oder „Christmas in Vienna“. Es sind jene CD-Compilations, auf denen der Alagna-Bartoli-Domingo-Netrebko­was-weiss-ich-Klassikclan „I wish you a Merry Christmas“ singt, weil jedes, wirklich jedes Plattenlabel noch immer glaubt, von der Geburt des kleinen Jesuleins profitieren zu können. Nur „Tochter Zion, freue dich“ nicht zu früh: Beim Hörer als Endverbraucher, als „User“ weihnachtlichen Klassikmusikkonsums kommt in der großen Hallelujah-Gefühlsduselei sowieso alles gleich an. Wer das ganze Jahr über Paul Potts und Jonas Kaufmann durcheinander bekommt und beide für Klassikkünstler hält; wem man marketingtechnisch verbietet, zwischen David Garrett und Anne-Sophie Mutter zu unterscheiden, erlebt jetzt auch noch Weihnachten mit Hansi Hinterseer und Florian Silbereisen, mit Angelika Kirchschlager und Jonas Kaufmann, mit Marianne und Michael oder mit Gregorianischen Gesängen. Alles suppt hier gleich ins Ohr und Johann Sebastian Bachs „Weihnachtsoratorium“ mischt sich – in saeculum saeculi – auch noch in den großen Soundtrack zu Christi Geburt. Die letzte bürgerliche Festung: „Klassik zum Fest“. Es ist noch immer wie damals, als Rudolf Schock und Anneliese Rothenberger scheu und linkisch ihre ersten medialen Crossover-Schrittchen ins Schwarz-Weiß-Fernsehen taten. Die schauten im Wohnzimmer aus der Nußbaum-Flimmerkiste von Grundig und sangen neben Christbaumkugeln „Stille Nacht“. Das war damals schon schlimm.

Das Schlimmste aber: Es hat sich bis heute grundsätzlich nichts am selig tönenden Weihnachtskitsch geändert. Absolut nichts! Ab November nehmen auf den Spielplänen der Opernhäuser die Werke „Zauberflöte“ und „Hänsel und Gretel“ in epidemischem Umfang zu, auf dass die Intendanten „Ihr Kinderlein kommet“ rufen. Die Kinderlein werden dann fein angezogen, im Begleitschutz von Opa und Oma oder den Eltern ins Opernhaus eskortiert und mit der hehren Opernkunst in Kontakt gebracht. Aus vielerlei Gründen schlagen diese musikerzieherischen Maßnahmen (meist) fehl: „Die Zauberflöte“ ist viel zu lang und viel zu kompliziert für Kinder. Schon Erwachsene begreifen nicht, warum die Bösen aus dem ersten Akt der Oper nun die Guten im Zweiten sind. Die Hexe in „Hänsel und Gretel“ beeindruckt Horrorfilm-erfahrene Kinder kaum, selbst wenn sie von der Regie als Domina in Leder angelegt ist. Da müssen jene „Kids“ genannten Heranwachsende ebenso durch wie durchs Orgelkonzert auf harten Holzbänken in ungeheizten, kalten Kirchen, oder durchs Oratorium im warmen, aber langweiligen Konzertsaal. Manchmal gehen die Erwachsenen - richtig „modern“- mit ihren Kindern in die örtliche Stadthalle. Dort gibt’s dann weitere Florian-Silbereisen-Helene-Fischer-Helmut-Lotti-André-Rieu-Epigonen mit diverser Weihnachtssülze und gecovertem Christfestschmalz zu belauschen, die alle mit dem, die Gefühle wärmenden Mäntelchen „Klassik“ und „klassisches Konzert“ firmieren.

Dem Klang der Schalmeien und Glocken, der Orgeln und Trompeten entkommt zur  Weihnachtszeit niemand! Für Momente im Jahreslauf triumphiert die Moeck-Blockflöte über E-Gitarre, Keyboard und iPod, und man darf fragen, was dieser bürgerliche Triumph soll? Wenn mit dieser festlichen Rundum-Beschallung „ein Gefühl für Werte“ vermittelt werden soll, wie als Antwort gern geheuchelt wird, wer will ernsthaft daran glauben? Musik und christliche Religion, das ist ein seltsam verwandtes Geschwisterpaar. Religion sei „Opium fürs Volk“ notierte Karl Marx zu Beginn seiner Heroinproduzentenkarriere; und wer will bezweifeln, dass Risiken und Nebenwirkungen diverser Musikbeschallung oft ein Fall fürs Betäubungsmittelgesetz sind. Dennoch wird dieses Verbrechen weiterhin alljährlich begangen und entzieht sich jedweder Strafverfolgung. Besser ist es im Sound der vielen besinnlichen PR- und Marketing-Travestien zur Besinnung zu kommen und ganz einfach die Ohren zu verschließen. „Hallelujah!“

Pascal Morché

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Pascal Morché

QUIET WORDS ist die gar nicht so stille Betrachtung des ultimativ Weiblichen, eine politisch unkorrekte Kolumne, deren Verfasser die Frauen kennt, sie liebend gerne beobachtet und seine Gedanken hier exklusiv niederschreibt.

Der bekannte Journalist Pascal Morché gilt als pointierter Autor, seine Kolumnen und Kommentare in führenden Tageszeitungen und Magazinen wie FAZ, SPIEGEL, die ZEIT und FOCUS zu Themen der Gesellschaft, Mode, Kunst und Kultur sind legendär. Seine "Lesungen der besonderen Art" haben Kultstatus. Seine Bücher "365 Tage Fashion" gelten als Bibel für Fashion Victims. 

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