QUIET WORDS

Betrachtungen des ultimativ Weiblichen

Ich bin gebraucht!

„Used Style“ ist cool. Nur bitte keine Used-Style-Faces!

Vorsicht, heute wird’s an dieser Stelle nachdenklich . Also Warnung: diese Kolumne ist nicht ganz so lustig. Es geht um unsere Sehnsucht nach „Patina“, um unsere Sehnsucht nach „Gebrauchsspuren“, nach „künstlicher Alterung“. Da das Wort „Patina“ aber inzwischen unter Artenschutz steht, widmen wir uns dem Begriff „used style“. Englisch betrachtet ist doch alles gleich viel cooler. Auch „künstliche Alterung“ klingt nach Seniorenstift und deshalb schreiben wir „exhausted by use“: Vom Gebrauch erschöpft. Schöner kann man’s kaum sagen.

Used style neu© Flamingo_Photography

Ich verstehe vieles nicht, liebe Leserin. Dieses Unverständnis versuche ich hier ja in möglichst sympathischer Weise rüberzubringen. Beziehungsweise Ihnen bei dem Versuch sympathisch zu bleiben. Also, ich verstehe nicht, warum diese Löcher in den Jeans sind, warum Hosen buchstäblich über dem Knie zerrissen sind. Nein, das ist wohl nicht schlampig, oder ein Zeichen von prekärer finanzieller Situation. Löcher in den Jeans scheinen manche Menschen sehr hip und extrem chic zu finden. Nun, ich bin kein Spielverderber und ich bin ehrlich. Ich habe vor fast einem halben Jahrhundert selbst in der (gefüllten!) Badewanne gelegen, bekleidet mit einer Jeans. Mittels Bimsstein und Hornhautraspel versuchte ich dem Kleidungsstück beziehungsweise seinem blauen Baumwollstoff  „Leben“ einzuhauchen. Ich wollte ihm Geschichte und Geschichten zu geben. Geschichten von Reisen, von Parties, von Abenteuern eben. Aussehen sollte die Jeans, als sei sie schon über das Straßenpflaster von San Francisco gerutscht und nicht nur über den Pausenhof eines Münchner Gymnasiums.

Ich bin ja eine ziemlich komplexe Persönlichkeit. Manche mögen mich deswegen - oder auch trotzdem. Mir ist beides recht. Ich will nur sagen, dass ich damals in der Badewanne tatsächlich darüber nachgedacht habe, warum ich das tue. Warum ich mit Bims und Raspel die Jeans malträtierte. Man wird zwangsläufig älter und steigt dann nicht mehr samt Jeans und Bimsstein in die Badewanne. Außerdem fand ich jetzt auf einer Website, dass an die Zerstörung von Kleidung inzwischen viel brachialer rangegangen wird: Chemische Bleiche, Chlorreiniger, Schleifpapiere und Messer werden empfohlen, um Shabby Chic und Used Style herzustellen.

Okay: wer selbst keine Geschichte hat, weil sein Leben ziemlich unlebendig, langweilig und beliebig vor sich hindümpelt, der will sich wenigsten mit Dingen umgeben, die von wildem Leben, geilem Sex, hohem Glück und tiefen Abstürzen erzählen. So richtig Vintage, so chic vom Flohmarkt, oder auch vom Sperrmüll.

Und es muß nicht gleich die „destroyed Jeans“ sein, die unsere Sehnsucht nach Leben widerspiegelt. Auch in der Mode jenseits von Freizeit und Feierabend wird der Verwahrlosung immer wieder mal die Absolution erteilt.  Aber natürlich: halbherzig, wie jede Absolution. Wir erinnern uns vielleicht noch, wie Hugo Boss Anfang der 80er-Jahre des längst vergangenen vorigen Jahrhunderts die deutsche Sprache um jenes „Leinen knittert edel“-Bonmot bereicherte. Warum, fragte ich mich damals, knittert Leinen edel, aber nicht der Mensch?

Ein Mensch, dessen Gesicht deutliche Zeichen von Gebrauch und Verbrauch zeigt, hat ein schönes Gesicht. Ein Gesicht, das physische und psychische Anstrengung, Mühen, Schweiß und Tränen, ebenso wie Glück, Freude und Ekstase kennt – dieses Gesicht aber wollen wir gerade nicht. Wir nennen es schlimmstenfalls despektierlich ein „verlebtes Gesicht“. Und dem wird selbstverständlich mit Botox, Skalpell, mit Fadenlifting, Polymilch- und Hyaluronsäure entgegen gearbeitet.

Dass der Mensch verlebte Kleidung (exhausted by use) will, aber kein verlebtes Gesicht (exhausted by life) finde ich so paradox wie mit einem SUV zum Bio-Supermarkt zu fahren. Ein verlebtes Gesicht, so finde ich, ist doch etwas sehr Schönes. Und etwas Interessantes allemal. Auch für das Gesicht gilt: Das Gebrauchte hat Aura – das Ungebrauchte nicht. Mick Jagger oder Vivienne Westwood „das“ sind Gesichter mit Aura! Gelebt und verlebt. Menschen mit  solchen Gesichtern machen vielleicht mal einem Herzchirurgen Arbeit; aber ein Schönheitschirurg verdient an ihnen nichts.

#pascalmorche

Pascal Morché

QUIET WORDS ist die gar nicht so stille Betrachtung des ultimativ Weiblichen, eine politisch unkorrekte Kolumne, deren Verfasser die Frauen kennt, sie liebend gerne beobachtet und seine Gedanken hier exklusiv niederschreibt.

Der bekannte Journalist Pascal Morché gilt als pointierter Autor, seine Kolumnen und Kommentare in führenden Tageszeitungen und Magazinen wie FAZ, SPIEGEL, die ZEIT und FOCUS zu Themen der Gesellschaft, Mode, Kunst und Kultur sind legendär. Seine "Lesungen der besonderen Art" haben Kultstatus. Seine Bücher "365 Tage Fashion" gelten als Bibel für Fashion Victims. 
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