QUIET WORDS

Betrachtungen des ultimativ Weiblichen

Wie schaut das denn aus!

Warum denken wir an Sex und dafür notwendige Organe, wenn wir doch nur fein essen wollen?

Ein Familienmitglied (davon gibt’s viele) befand unlängst, dass ein bestimmter Fisch aussähe wie ein Penis. Ich solle darob berichten, da ich an dieser Stelle ohnehin gerne auch Erotisches oder gar Sexuelles behandeln würde. Nun, ich denke, dass ich  dies stets mit Intelligenz, Charme und Eleganz  tue und so will ich mich auch dieses heiklen Themas annehmen: Essen und Sex.

Spargel© iStock_Barmalini

Beide Beschäftigungen sind höchst sinnlich, das ist hinlänglich bekannt. Man kann auch während des Essens unterm Tisch füßeln, was ich sehr erotisch finde; man kann seine Hand einen Moment zu lange auf die Serviette des oder der anderen legen und man kann Erdbeermarmelade aus einem Bauchnabel lecken, was ich ziemlich klebrig und eigentlich eher unappetitlich finde. Als ebenso unappetitlich verstehe ich Scherze, bei denen sich ein Buffet als menschlicher, zumeist weiblicher Körper offenbart. Vom Niveau her ist das eher beim Junggesellenabschied zu verorten als bei dem Film „Das große Fressen“.

Doch zurück zum Fisch, denn er soll hier ja Thema sein. Nun, zunächst wird ein Fisch erst im Auge des Betrachters zu einem Penis. Dies gilt übrigens auch für eine unschuldige Gurke, Zucchini oder Rübe; und es gilt ebenso - das weibliche Geschlecht betreffend - für das Aussehen einer Feige, einer Weinbergschnecke oder einer Nantucket Blue Point Oyster. Das Interessante ist aber doch, warum wir mitunter panisch und manisch getrieben sind, etwas sehen zu wollen, um es dann mit einem Sexualorgan in Verbindung bringen zu können? Symbole und Metaphern, Assoziationen und Konnotationen können nichts, aber wirklich gar nichts für den Gebrauch, den Menschen von ihnen machen. Dieses „das schaut doch aus, wie“ ist wahrscheinlich eine Sehnsucht in unserem Unterbewusstsein, dem sich die Nachfolger des Herrn aus der Wiener Berggasse 19 annehmen sollten.

Was kann denn der arme Fisch, die Auster oder gar das Gemüse dafür, dass es aussieht wie es aussieht? Zum Beispiel, ja, was sonst: Der Spargel! Da gibt es eine Autorin, Margarete Stokowski, die ist nicht dumm und schreibt bei Spiegel online eine Kolumne. Leider wittert die gute Frau überall Böses und eben auch Sexismus. Sie ist also sehr beschäftigt. Diese, ihre Witterung traf auch den armen Spargel, weil er eben aussieht, wie er aussieht. „Der Spargelkult muss enden“ forderte die Autorin und erkannte in dem Gemüse „den alten weißen Mann der Kulinarik“ und einen „Dickpic-Ersatz“. Puh: Phallisch oder fall isch um vor Staunen? Das fragte ich mich bei diesem „Plädoyer“ gegen den Spargel. Nun konnte ich feststellen, dass die Spiegel-Autorin sich in allerbester Gesellschaft befindet, nämlich in jener von Henrietta Darwin. Ganz richtig, das war die Tochter des großen Charles Darwin, des Begründers der modernen Evolutionstheorie. Allerdings war Henrietta wohl ein wenig verklemmt, wie wir gleich sehen werden. Es gibt einen Pilz, der es 2020 sogar zum „Pilz des Jahres“ geschafft hat: „Die gemeine Stinkmorchel“! (Namenswitze sind verboten, sagte Helmut Markwort, mein Chefredakteur bei Focus immer; im übrigen schreibt sich der Autor dieser Kolumne ohne l).

Die gemeine Stinkmorchel also sieht aus „wie“ ein Penis. Ja, wirklich! Pech für die Pflanze, sie bekam sogar den wissenschaftlichen Namen „Phallus impudicus“, was man mit „unzüchtiger Penis“ übersetzt. Und Darwins Tochter? Sie soll den obszönen Pilz ob seines Aussehens und wegen „der sittlichen Gefährdung junger Mädchen“ überall im Unterholz der Wälder von Kent entfernt und heimlich hinter verschlossenen Türen verbrannt haben. Stimmt ja auch: Die gemeine Stinkmorchel ist im Vergleich zum weissen Spargel absolut Hardcore. Und so was ist Pilz 2020! Wer zweifelte daran, dass wir einem extrem pornographischen und sexistischen Pilzjahr entgegen gehen? Die Welt ist doch schon schlimm genug und nun auch noch das!

Aber so hat eben jeder seine eigenen Assoziationen zu dem, was er sieht und darin erkennt oder erkennen will. Der Überlieferung nach soll übrigens Sigmund Freud, jener kluge Mann aus eben der Berggasse 19 in Wien, die allergrößten Schwierigkeiten gehabt haben, beim Bäcker das Wort „Kipferl“ auszusprechen. Tja, wenn einen der Job aber auch überall hin verfolgt... 

#pascalmorche

Pascal Morché

QUIET WORDS ist die gar nicht so stille Betrachtung des ultimativ Weiblichen, eine politisch unkorrekte Kolumne, deren Verfasser die Frauen kennt, sie liebend gerne beobachtet und seine Gedanken hier exklusiv niederschreibt.

Der bekannte Journalist Pascal Morché gilt als pointierter Autor, seine Kolumnen und Kommentare in führenden Tageszeitungen und Magazinen wie FAZ, SPIEGEL, die ZEIT und FOCUS zu Themen der Gesellschaft, Mode, Kunst und Kultur sind legendär. Seine "Lesungen der besonderen Art" haben Kultstatus. Seine Bücher "365 Tage Fashion" gelten als Bibel für Fashion Victims. 
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