QUIET WORDS

Alltags-Betrachtungen von Pascal Morché

Super Supermarkt!

Ein paar Gedanken über jene Orte, die wir für’s tägliche Leben brauchen

Interstar am Schottentor© Interspar Brunnbauer

Sie wissen ja inzwischen: ich bin "Deitscha". Zwar nicht ganz schlimmer Deitscha, also wenigstens bin ich aus München. Da gibt es schon mal die eine Kirche und das andere Schloss in Schönbrunner Gelb (auch Habsburger Gelb genannt). In Österreich freundlich aufgenommen, fällt mir als Fremden aber immer vieles auf. Zum Beispiel, dass in Österreich die Supermärkte schöner sind als in Deutschland, wo sie sich übrigens meist im Keller befinden. Die österreichische Liebe zum Keller (darüber ein anderes Mal mehr) hat in Restkakanien Supermärkte nicht in Keller verbannt. Das allein ist eine Freude!

In einem österreichischen Supermarkt fühle ich mich noch als Kunde . In Deutschland gibt es nämlich keine Kunden mehr, sondern nur noch Verbraucher. Wahlweise mutiert hier der Verbraucher auch zum Nutzer oder gleich zum User. So grausam ist Deutschland! An der Sprache erkennt man alles. Die Innenarchitektur deutscher Supermärkte wird von Worten bestimmt wie „Zwangswegführung“ oder „Quengelware“ oder „Bückware“ (wer’s nicht glaubt, möge diese Begriffe googeln). Und der „Rundlauf“ im Supermarkt ist in Deutschland immer gegen den Uhrzeigersinn. Also: rechts rein, links raus. Verkaufspsychologie meets Innenarchitektur.

Ob Frauen und Männer im Supermarkt in ihrem Kaufverhalten verschieden agieren, weiß ich nicht. Ich habe aber vom Begriff des „Apfelprinzen“ gehört: Mann und Frau am Obststand greifen gleichzeitig nach dem selben Apfel und verlieben sich. (In diesem Zusammenhang sei auf einen hübschen Supermarkt-Roman hingewiesen: „Vier Äpfel“ von David Wagner. Dem Mann fiel auf, dass vier Äpfel „immer“ 1.000 Gramm wiegen.) Ich bin der Meinung, will man eine schöne, selbstbewusste Karrierefrau im Supermarkt kennenlernen, dann trifft man diese bei den frisch gepressten Smoothies und den (völlig) überteuerten und vorgeschnittenen Obstsalaten nach 18 Uhr. Eine als Single lebende Alpha-Wölfin, die zu dieser Stunde aus dem Büro kommt und sich bewusst ernährt, geht mit ihrer raren freien Zeit auch bewusst um. Sie hat keine Zeit, daheim Erdbeeren und Ananas zu schnipseln oder die Saftpresse anzuschmeissen.

Natürlich muss alles auf der Jagd nach Lebensmitteln schnell gehen im Supermarkt. Bei mir ist das anders. Wenn ich keine Zeit habe, dann nehme ich sie mir. Besonders an der Kasse. Ich mag mich der Eile, die einem hier aufgezwungen wird, nicht anschließen. Deshalb beschädige ich im Supermarkt an einigen Produkten absichtlich den Barcode, damit ich an der Kasse mehr Zeit zum Einpacken habe. So kann ich den Scanner austricksen. Was in österreichischen Supermärkten auffällt: Hier herrscht keine Angst vor dem Wort „billig“. Wir Deitsche haben zwar eine „Geiz ist geil“-Mentalität, aber das Wort „billig“ empfinden wir als extrem abwertend. In Österreich wird damit geworben und günstige Ware angepriesen. Ihr Kolumnist staunt, dass „Billa“ tatsächlich 1961 als „billiger Laden“ gegründet wurde (und dass „Bipa“ billige Parfümerie heißt).

Diese Kolumne handelt nicht von Penny, Lidl oder dem Hofer heißenden Aldi. Hier wird also nicht der verkürzte Weg behandelt: von der Europalette auf den Teller. Das Angebot in österreichischen Supermärkten ist regionaler, besser und teurer (vom steirischen Kernöl abgesehen). Natürlich beginnt man auch in Österreich Supermärkte aufzuhübschen, in Deutschland sagt man „wertiger zu gestalten“: aus manchem schnöden BILLA wird ein BILLA „plus“ oder sogar ein BILLA „Corso“; der SPAR Supermarkt wird zum „Gourmet“-SPAR. Was einen traurigen Deutschen aber wirklich erschlägt, ist die Liebe zur Architektur. Die wunderbaren MPreis-Supermärkte in Tirol, Salzburg, Kärnten oder Vorarlberg sind wahre Ikonen bester moderner Architektur. Supermärkte verschmelzen hier auf das Schönste mit der sie umgebenden Landschaft.

Den schönsten Supermarkt gibt es in Wien. Meinl? Nein! Kurzes Meinl-Bashing: Erst politisch korrekt den kleinen Mohren schlachten, dann langweilige Sackerl entwerfen und ein als Treppe getarntes Ufo in ehrwürdigen Verkaufsräumen landen lassen. Der einstige Gourmettempel banalisierte sich auf schnöde Weise. Nun heißt der schönste Supermarkt in Wien: INTERSPAR „Haus am Schottentor“. Ein Gourmetparadies in prachtvollen Räumen der ehemaligen Zentrale „Creditanstalt-Bankverein“. Da staunt ein Deitscha, wenn er hier in Jugendstilpracht von Barilla-Nudeln zu 15 Deka Parmaschinken wandelt. (SPAR scheint ein Faible für historische Räume zu haben. Man besuche in Venedig „Despar Teatro Italia“, am Campiello de l'Anconeta“). Ach, man kann soviel machen, umgestalten, umbauen, umwidmen. Und ich fürchte, man wird es tun: In der neugotischen „Sint Anakerk“ von 1862 in Gent will demnächst die belgische Supermarktkette „Delhaize“ eine Filiale eröffnen. Der Bischof von Gent, Lucas van Looy hat seinen Segen dazu gegeben. Trappistenbier statt Weihwasser! Ist ein Früchtejoghurt nicht mindestens ebenso anbetungswürdig wie der Leib des Herrn? Man muss nur dran glauben. 

#pascalmorche

ÜBER DEN AUTOR

QUIET WORDS ist die gar nicht so stille Betrachtung des ultimativ Weiblichen, eine politisch unkorrekte Kolumne, deren Verfasser die Frauen kennt, sie liebend gerne beobachtet und seine Gedanken hier exklusiv niederschreibt.

Der bekannte Journalist Pascal Morché gilt als pointierter Autor, seine Kolumnen und Kommentare in führenden Tageszeitungen und Magazinen wie FAZ, SPIEGEL, die ZEIT und FOCUS zu Themen der Gesellschaft, Mode, Kunst und Kultur sind legendär. Seine "Lesungen der besonderen Art" haben Kultstatus. Seine Bücher "365 Tage Fashion" gelten als Bibel für Fashion Victims. 
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