QUIET WORDS

Betrachtungen des ultimativ Weiblichen

Ich will die Erbse fühlen!

Eine Matratze muss hart sein. Schlaf ist schließlich Tod mit Rückfahrkarte, oder üben für länger.

Zunächst ein paar Worte in eigener Sache: Ihr Beauty.at-Kolumnist begleitet Sie, liebe Leserin, schon ein paar Jahre mit seinen Texten (falls Sie sich begleiten lassen). Daraus ist ein bösartig-lustiges Buch entstanden. Falls Sie’s kaufen: Danke! Aber glauben Sie mir eines: Die Themenfindung für diese Kolumnen ist nicht immer einfach. Deshalb folgende Idee: Schreiben Sie mir doch bitte, worüber ich schreiben soll . Haben Sie keine Scheu vor bizarren oder skurrilen oder vermeintlich banalen Themen. Denn diese wären eben nur „vermeintlich“ banal.

Schlafen matratze© Pixabay

Diesmal hatte ich überlegt, ob ich mich über den Schwachsinn der E-Roller echauffieren soll. Überall stolpert man über diese Dinger. Doch die Vermüllung der Städte war bereits in der letzten Kolumne Thema. Dann überlegte ich, mich dem „Muttertag“ und „Liebesbezeugungen nach Kalender“ zu widmen. Den „Muttertag“ habe ich aber mit dieser Kolumne um vier Tage verpasst. Allerdings will ich auf die Bemühungen einer Rechtsprofessorin vom Schweizer Ethikrat hinweisen. Sie will den Muttertag in den „Tag der Person, die das Kind geboren hat“, umbenennen. Denn „damit wäre gleichzeitig eine Person mit Gebärmutter gemeint, die sich aber als Mann fühlt.“ Auch solle „Muttermilch“ zukünftig „Menschenmilch“ heißen. Nun, haben wir sonst keine Probleme? Vor allem aber, wie entkommt man dem Irrsinn der Welt, wenigstens temporär?

Ich empfehle: Schlafen! Ein paar Stunden keine Leere, kein Überdruss, keine Angst und keine Sehnsucht. Ein paar Stunden, in denen man weder glücklich noch traurig sein muss. Vor allem: man muss nicht denken! Man schläft, ist irgendwie nicht unter den Lebenden, ein kleiner Tod von sechs, sieben, acht Stunden. Mit „la petite mort“, den  Orgasmus zu beschreiben, halte ich für Quatsch. Jeden Abend, wenn wir ins Bett gehen und das Licht ausschalten, beginnt der kleine Tod. Schon Cicero wusste: „Den Schlaf nimm als das Bild des Todes.“ Tod mit Rückfahrkarte; die verlangt der Schaffner, sobald der Wecker klingelt.

Ich flüchte mich gerne in den Schlaf. Umgeben von der Welt, aber nicht in der Welt. Ein feiner Zustand, wie ich finde. Es ist nicht wahr, dass depressive Menschen grundsätzlich schlecht schlafen. Wer das behauptet, der meint auch, dass er einen Depressiven aufmuntert, wenn man ihm sagt: Schau, die Sonne scheint! Wer’s nicht glaubt: Im April bringen sich mehr Menschen um als im November. Okay, den April habe ich überstanden, mal wieder. Und über die Segnungen des getrennten Schlafens glücklicher Paare, habe ich auch bereits geschrieben. Unverständnis erlebe ich meist, wenn ich getrennte Schlafzimmer favorisiere. Aber, was der Mensch für Liebe hält, ist eben doch nur angewandte Sozialisation.

Zum Schlaf! Sie kennen das Märchen von der „Prinzessin auf der Erbse“ von Hans Christian Andersen? Der Mann war Däne. Vielleicht konnte sich nur jemand aus dem Land des Dänischen Bettenlagers diese schöne Geschichte ausdenken: Prinz sucht Prinzessin und trifft auf ein regennasses, einfaches Mädchen, das aber behauptet, Prinzessin zu sein. Weil es im Märchen selten ohne Test, Probe und Prüfung abgeht, legt die Mutter des Prinzen eine Erbse auf den Lattenrost der Schlafstätte und darauf zwanzig (!) Matratzen plus zwanzig Daunendecken. (Dänisches Bettenlager eben!). Am nächsten Morgen klagt die junge Frau darüber, schlecht – weil auf etwas Hartem – geschlafen zu haben. Da haben alle den Beweis: so sensibel kann nur eine Prinzessin sein – und der Prinz nimmt sie zur Frau. Puh, zwanzig Matratzen! Das dürfte schaukeln wie ein Wasserbett, das auf Nordatlantik bei Windstärke 12 macht.

Für mich wäre das nichts, ich schlafe gerne auf harter Unterlage, ich will nämlich eine Erbse fühlen! Außerdem muss absolute Dunkelheit im Zimmer herrschen (im Grab ist’s ja auch duster) und die Türen müssen geschlossen sein – die Himmelsausrichtung des Bettes ist mir egal. Manche schlafen lieber nach Osten, andere lieber gen Süd...mir wurscht!

Leider musste ich aber schon in wunderbaren Hotels auf den Boden wechseln, weil mir die Matratzen zu weich waren. Ich will und kann bei dem heutigen Wettbewerb um Hypersensibilität einfach nicht mitmachen. Ich gelte dann zwar als einer, der schwarze Messen feiert oder den Müll nicht trennt – als ganz schlimmer Mensch also, aber ich finde, es gibt eine Bequemlichkeit, die unbequem ist. Viele mögen sie. Ich nicht. Viele sind heute am „Prinzessin-auf-der-Erbse-Syndrom“ (gibt’s wirklich) erkrankt. Sie würden auch bei doppelter dänischer Matratzenmenge (also 40) noch über die unangenehme Erbse klagen und jammern.

Wir sind ja alle sooo sensibel – und wollen Prinz oder Prinzessin auf der Erbse sein! Wir leben in narzisstischen Zeiten. Völlige Verweichlichung nennen wir Sensibilität. Von dieser Sensibilität profitieren ganze Industriezweige, und das nicht zu knapp. Ob Gesichtscreme, Haarshampoo oder Dessous – der Sensibilität wird immer und überall Rechnung getragen. Deshalb ist jede Handcreme für "die sensible Haut" und auf jeder Shampooflasche steht "sensitiv". Dabei könnte man, um sich selbst zu fühlen, einfach mal damit beginnen, die Erbse unter der Matratze zu lieben.

#pascalmorche

ÜBER DEN AUTOR

Pascal Morché

QUIET WORDS ist die gar nicht so stille Betrachtung des ultimativ Weiblichen, eine politisch unkorrekte Kolumne, deren Verfasser die Frauen kennt, sie liebend gerne beobachtet und seine Gedanken hier exklusiv niederschreibt.

Der bekannte Journalist Pascal Morché gilt als pointierter Autor, seine Kolumnen und Kommentare in führenden Tageszeitungen und Magazinen wie FAZ, SPIEGEL, die ZEIT und FOCUS zu Themen der Gesellschaft, Mode, Kunst und Kultur sind legendär. Seine "Lesungen der besonderen Art" haben Kultstatus. Seine Bücher "365 Tage Fashion" gelten als Bibel für Fashion Victims. 
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