QUIET WORDS

Betrachtungen des ultimativ Weiblichen

Nur in der Apotheke!

Es gibt Orte, da schenken wir Produkten einfach mehr Vertrauen. Warum?

Hier geht’s diesmal ums Vertrauen. Wer Geld für Kosmetik ausgibt, der will schließlich auch, dass sie wirkt. Und ich habe irgendwie immer das Gefühl, Produkte aus der Apotheke wirken besser. Ich bin übrigens Fan der Marke Eucerin, müssen Sie wissen. Die gibt’s nur in der Apotheke.

Apotheke© Pascal Morché

Natürlich, es gibt dort auch noch jede Menge anderer Marken, die ihre Produkte nicht nur für den Kundenkreis der Parfümerie-Shopper herstellen, sondern mich, den Apothekenbesucher ansprechen. La Roche Posay, Roger&Gallet, Louis Widmer, Avene oder Vichy...

Aber bleiben wir bei meinem geliebten Eucerin! Schlicht, pur, sachlich, neutral und unparfümiert: wie Flasche und Inhalt meines Lieblings-Duschgels, so der Ort meines Einkaufs.  Kein Schnickschnack, kein Klimbim, keine Duftkeule, kein Glitzer und kein Glamour, kein fauler Zauber. Alles, womit die Kosmetikindustrie in ihren Beauty-Kathedralen, in den Mega-Stores und Super-Shops oder zumindest im Parterre großer Kaufhäuser den Kunden kunstvoll und künstlich umschmeichelt, alles das gibt’s in der Apotheke nicht.

Hier umschmeichelt mich einzig das Lächeln meiner Apothekerin. Die Frau, ich fühle es, ist kompetent. Sie lächelt mich akademisch an, sie hat studierte Kompetenz im Blick, dazu der weisse Mantel, oh, meine Halbgöttin in weiss... Sie hat von Aspirin über Citalopram bis Viagra alles für mich im Schrank. Sie kennt „für böse Gifte Gegengift“ (Tristan und Isolde) und hortet Elixiere des Teufels ebenso wie Balsam für Wunden des Körpers und der Seele. Ja, eine Apothekerin kann töten mit ihren Mittelchen in den vielen Fächern ihrer Apothekenschränke: Wer töten kann, der trägt Verantwortung und wer Verantwortung trägt, dem vertraue ich. So einfach und kausal ist das. Eine Apothekerin ist eine Komplizin des Arztes! Die kompetenteste Beauty-Fachverkäuferin aber bleibt immer Komplizin einer Marketing-Abteilung! Genau das macht den Unterschied.

Eine Dr. Best Zahnbürste oder ein Dr. Hauschka-Produkt garantiert mir das große Latinum seiner Hersteller. Ich vertraue in alte, humanistische Bildung. Die medizinisch-universitäre Zierleiste auf einem banalen Beauty-Produkt ist vielleicht nicht sexy, aber sie schenkt eben Vertrauen. Ein Serum in einem Apotheker-Fläschchen mit Glas-Pipette schafft psychologisch deutlich mehr Vertrauen als ein großartig gestylter Flakon, der in seinem ästhetischen Anspruch wenigstens in die Design-Abteilung des MoMa aufgenommen werden will. Der suggeriert nur: Hoppla! Tara! Verpackung! Schön die Verpackung, denke ich und stelle die Frage: Aber ist ihr Inhalt auch wirksam? Kosmetikprodukte in Apotheken werden gerne in Tuben „gereicht“ (das Wort ist mit Bedacht gewählt). In Metalltuben wie anno dazumal, in Aluminium-Tuben. Diese kaufen wir hier mit nostalgischem Glücksgefühl und bringen die gebrauchten Kaffee Alu-Kapseln mit schlechtem Gewissen wieder zu Nespresso zurück. Der Kunde ist ein paradoxes Wesen, weshalb es auch  „Manufactum“ gibt – jenes merkantile Kaufhaus absoluter Erhabenheit über kurze Moden und schnelle Trends.

Die Apotheke ist nicht schick, aber notwendig. Der Beauty-Store ist nicht notwendig, aber schick. Wer in der Apotheke kauft, der denkt an Gesundheit und an Natur; wer im Glitzerglanz von Parfümerien shoppt, an Schönheit und Kunst. Was ist wichtiger? Eben! Ein anderes Beispiel: Wer ein Fachinger-Wasser trinkt, der denkt an Kur und Karlsbad; wer sich ein Volvic an die Lippen setzt, ans Fitness-Studio und Venice-Beach.

Sie haben längst gemerkt, dass es in dieser Kolumne  um das Thema Verkaufspsychologie und Verkaufsstrategie geht! Ich habe hohen Respekt vor der Beauty-Industrie, dort sitzen kluge Leute. Da gibt es neben Marketing- und PR-Analysen auch fundierte psychologische und soziologische Untersuchungen, um das Kaufverhalten der Kunden zu entschlüsseln und nicht selten kommt auch der Hausverstand auf Ergebnisse, wie sie hier locker formuliert werden (Fachinger vs. Volvic). Der Reiz, der von der pharmazeutischen Anmutung eines Eau de Toilette ausgeht, sprang mir erstmals Ende der 70er-Jahre mit dem Apothekerfläschchen „Grey Flannel“ von Geoffrey Beene entgegen. Inzwischen haben viele Marken sich den Apothekentouch zugelegt, haben sich und ihren Produkten das Image von purer Natur, Klarheit und Ehrlichkeit verschafft. Aber natürlich bitte nicht bieder anthroposophisch wie Weleda, sondern puristisch, elegant, dezent - wie die hochintelligente australische Marke Aesop. Nur sie kann mich aus der Apotheke treiben, ohne dass ich dafür in kalte Glitzerwelten muss. Aber ob Aesop es mit seinen Shops und Verpackungen (und mit seinen Produkten!) schafft, mich dem Zauber meiner Apothekerin zu entziehen...?

#pascalmorche

Pascal Morché

QUIET WORDS ist die gar nicht so stille Betrachtung des ultimativ Weiblichen, eine politisch unkorrekte Kolumne, deren Verfasser die Frauen kennt, sie liebend gerne beobachtet und seine Gedanken hier exklusiv niederschreibt.

Der bekannte Journalist Pascal Morché gilt als pointierter Autor, seine Kolumnen und Kommentare in führenden Tageszeitungen und Magazinen wie FAZ, SPIEGEL, die ZEIT und FOCUS zu Themen der Gesellschaft, Mode, Kunst und Kultur sind legendär. Seine "Lesungen der besonderen Art" haben Kultstatus. Seine Bücher "365 Tage Fashion" gelten als Bibel für Fashion Victims. 
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