QUIET WORDS

Betrachtungen des ultimativ Weiblichen

Haare

Wieder einmal geht es an dieser Stelle um Haare. Diesmal aber haupthaarsächlich um jene der Männer.

Kein Hashtag, kein Aufschrei, keine Online–Petition, nicht einmal eine UNO-Resolution. Nix! Die mir geneigte Leser(innen)schaft blieb ruhig, als die pechschwarzhaarige Redaktionskatze Blunzi vor einigen Monaten in dieser Kolumne erstmals auftrat. „Mein Fell gehört mir!“, hieß die Story, eine knallhart untenrum recherchierte Geschichte zum Thema „Waxing“ und „Intimrasur“. Da ging es um „Kahlschlag im Schamgehölz“ und einigem mehr. Verpasst? Hier können Sie nachlesen.

DM Trendkollektion© DM Trendkollektion

Es liegt mir fern, mich zu wiederholen . Dennoch geht es auch dieses Mal um Haare. Ich verstehe nämlich nicht, warum Frauen Kurzhaarfrisuren tragen. Sie sagen dann „das ist so praktisch“. Nun, der Diktion folgend, wer ein Adjektiv trifft, der möge es erschlagen, so möchte ich das Wort „praktisch“ an dieser Stelle meucheln. Brücken sind immer „kühn“; Gebirge stets „majestätisch“ und kurze Haare sind eben „praktisch“. Das Wort hat sich wahrlich an die letzte Haarwurzel Kurzgeschorener angehängt. Schrecklich! Ich glaube, Frauen mit kurzen Haaren geben sich neben dieser „ist-ja-so-praktisch“–Behauptung auch noch gerne eine feministisch, emanzipierte Attitüde: „Lange Haare und die Mühen ihrer Pflege führen ja nur zu jenem Weibchenhabitus, der Euch Kerlen gefällt“, mögen sie denken. „Das“ haben wir starken, emanzipierten Frauen doch nicht nötig. Wir sind nicht der Typ Frau, der stundenlang beim Friseur abhängt, weil er mal jemanden zum Ausquatschen braucht. Wirklich nicht? „Haar! Wundervoller Mantel des Weibes in Urzeiten, als es noch bis zu den Fersen herabhing und die Arme verbarg“, jammerte bereits Gustave Flaubert – gut, dass der Mann die Entwicklung vom Gretchenzopf zum Bubikopf und dann zur ach so praktischen Kurzhaarfrisur nicht erleben musste. Nun denn...

Aufgefallen ist mir allerdings, dass Frauen Männer mit vollem, oder gar langem Haupthaar durchaus schätzen, dass sie das sexy finden. Da viele Männer aber leider kein volles Haupthaar haben, rasieren sie ihre fünf Federn auf dem Kopf ab und laufen dann lieber glatzköpfig herum statt mit undefinierbarem, schütternen Putinhaar. Könnte ja auf frühkindliche Mangelernährung oder ähnliches hinweisen. Bald-Head, glatzköpfig, das finden richtige Kerle gut. Wir sprechen hier nicht vom Skinhead, sondern von einem Dreitagebart am Hinterkopf. Passt meist exzellent zum „tribal tattoo“ an Arm oder Bein – irgendwie muss ja mangelnde Haarmännlichkeit kompensiert werden.

Ganz traurige Zeitgenossen greifen zum Toupet. Das aber ist nun stets eine Lächerlichkeit, ein Zirkus-, Film- oder Operngag (Rosenkavalier). Männer, die sich ein Toupet auf’s Haupt tackern, sagen sich vielleicht: Dornenkrone ist unangenehmer. Vor allem aber vergessen die Träger des Kunsthaar-Fuffis den herrlichen Ausspruch des österreichischen Dichters Nestroy „Eine Perücke ist eine falsche Behauptung.“ Fake news sind schlimm, fake hair ist schlimmer! Eines der letzen Geheimnisse: Ist Donald Trumps vergilbte Haarpracht eigentlich echt? Auch diese Frage sollte mal vor einen Untersuchungsausschuss kommen. Ja, und dass getönte oder gefärbte Haare bei Männern eine Naturkatastrophe sind, muss sicher nicht extra erwähnt werden. Frauen Österreichs, blickt auf diese Zeilen und gebt Eure Töchter niemals an Männer mit billigen Schuhen, Toupet oder gefärbten Haaren!

Vielleicht glauben Sie nun, dass man sich mit Männern mit Glatze nicht in die Haare kriegen kann. Völlig falsch! Das Gegenteil ist eher der Fall. Demonstrative Bald-Head-Männer halten sich für besonders männlich. Sie neigen zum Chauvinismus, zu tiefer gelegten, getunten Autos, zum Pumpen in Fitnessstudios und zum Gassiführen von Kampfhunden. Schrecklich. Oder? Ja und dann gibt es noch jene Männer, die Haargel benutzen. Irgendwann merken sie, dass Gel tatsächlich eine Art Schmiere ist und sie mit gegelten Haaren eben auch „schmierig“ aussehen (könnten). Dann wird zurückgerudert und auf’s Haargel – bis auf einen leichten wetlook – verzichtet. Diese Metamorphose ist extrem lustig anzusehen! Zum Beispiel beim ÖVP-Hoffnungsträger Sebastian Kurz oder auf dem Gelkopf von Moderator Michel Friedman. Irgendwie kriegen sie das Gel nie wieder richtig raus – weder aus dem Haar noch aus dem Image. Blöde Sache! Wer einmal in den Gelnapf fällt...


Schlimm sind natürlich auch die Männer, die mit einem extremen Undercut herumlaufen, als warteten sie auf ein Casting bei Wolfgang Joop oder Leni Riefenstahl.
Dieser Frisur hängt leider immer etwas ewig Gestriges an. Außer man heißt Kim Jong Un. Aber dessen Undercut ist ohnehin über alle Tonsuren erhaben. Wahrscheinlich lässt Kim jedes Mal nach dem Friseurtermin seinen Coiffeur hinrichten: Bad hair day – schrieb einmal ein Londoner Friseur als Werbung unter das Babyface des nordkoreanischen Staatschefs. Mit dem Plakat warb der Friseur für eine 15%-Rabatt-Aktion auf alle Herrenschnitte. Als Vorbild sollte den Männern eben Kim Jong Uns unverwechselbare Frisur dienen: die Haare an den Seiten sehr kurz rasiert und in der Mitte länger. Undercut total eben. Dann kamen Kim’s Geheimagenten und der Mann mit den Scherenhänden überlegte sich den Scherz noch einmal.

Übrigens: Das Haar Ihres Kolumnisten ist dicht, grau und gelockt. „Krause Haare, krauser Sinn“, sagte seine Mutter immer – am besten, Sie urteilen selbst, ob sie recht hat.

Pascal Morché

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Pascal Morché

QUIET WORDS ist die gar nicht so stille Betrachtung des ultimativ Weiblichen, eine politisch unkorrekte Kolumne, deren Verfasser die Frauen kennt, sie liebend gerne beobachtet und seine Gedanken hier exklusiv niederschreibt.

Der bekannte Journalist Pascal Morché gilt als pointierter Autor, seine Kolumnen und Kommentare in führenden Tageszeitungen und Magazinen wie FAZ, SPIEGEL, die ZEIT und FOCUS zu Themen der Gesellschaft, Mode, Kunst und Kultur sind legendär. Seine "Lesungen der besonderen Art" haben Kultstatus. Seine Bücher "365 Tage Fashion" gelten als Bibel für Fashion Victims. 
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