QUIET WORDS

Alltags-Betrachtungen von Pascal Morché

Unser täglich Brot gib uns heute...

Es gibt Brot aus der Bäckerei und Brot aus der Brot-Manufaktur. Logisch, dass das richtig teuer ist.

Brot backen© Pixabay

Eigentlich wollte ich diesmal ein Plädoyer für den Hass halten, zumindest allen guten Gutmenschen klarmachen, dass es ohne ihn nicht geht. Neulich sagte mir nämlich eine Dame mit katastrophaler Zahnstellung (wir trafen uns am Flaschencontainer, denn sie trennt vorbildlich Grün-, Braun-, und Weissglas) „sie sind ein unangenehmer Mensch“. Sie, liebe Kolumnenleserin wissen natürlich, dass das absolut nicht der Fall ist. Deshalb schreibe ich die Geschichte über Hass auch erst zu Weihnachten. Da passt sie dann besser, schließlich haben Scheidungsanwälte nach den Festtagen Hochkonjunktur. Wenn Menschen zu viel und zu lang aufeinanderhocken, beginnen sie mitunter seltsame Dinge zu tun, oder sich gegenseitig zu hassen. Man konnte das in den Lockdowns sehen: Den zur Untätigkeit Verdonnerten blieben zunächst nur Netflix und Chillen. Als sie dessen überdrüssig wurden, begannen sie exzessiv Monopoli zu spielen, den Ulysses in Sanskrit zu übersetzen oder Brot zu backen. Corona sei dank: ein häuslicher Brotbackboom brach aus.

„Lebt Dein Sauerteig noch?“ Das, nur das ist’s, was Hobbybäcker umtreibt. Die Sorge um das Wohlergehen ihrer Sauerteigkulturen übertrifft bei vielen Brot backenden Zeitgenossen jene Sorgen, die sie einst beim liebevollen Züchten von Urkrebsen aus dem Yps-Magazin hatten. Ja, das Glück eines gesunden, lebenden Sauerteigs hat die einstige Angst vor dem frühen Ableben eines geliebten Tamagotchis weit in den Schatten gestellt. In sozialen Netzwerken geht es meist nur mehr um die ganz persönliche Sauerteigbefindlichkeit. WhatsApp-Gruppen beschäftigen sich mit schwerwiegenden Problemen: Wie oft muss Sauerteig gefüttert werden? Oder: Kann man Sauerteig auch mit Weizenmehl füttern? Oder: Wie füttere ich meinAnstellgut? (Antwort: Einmal am Tag im Verhältnis 1:2:2 füttern  reicht. Also zum Beispiel 20 g Anstellgut  mit 40 g Mehl und 40 g Wasser füttern . Und das jeden Tag, am besten zur selben Zeit.) Nur dort, wo der Mensch backt, ist er ganz bei sich selbst. Er begreift Brot wieder als archaisches, als biblisches Kulturgut. Als urtümlichstes, ursprünglichstes Nahrungsmittel und nicht als die tragische Geschichte von Getreide, das die Chance verpasst hat, Bier zu werden.

Wo immer besonders großes Getue um etwas gemacht wird, geht’s um Geld. Brot für die Welt? Brot für das Geld! Es gibt die Kaisersemmel für 15 Cent aus dem Backautomaten beim Discounter, die kann man, muss man aber nicht essen. Der herzhafte Biss in eine Styroporplatte im Baumarkt bietet schließlich ein ähnlich kulinarisches Erlebnis. Das andere Extrem des Brotgenusses liefern jene Brot-Manufakturen, die allerorten mit Weizen, Roggen und Gerste um die Wette aus dem Boden sprießen. Einem Start-Up namens „Brot-Manufaktur“  dürfte inzwischen jede Bank jeden Kredit einräumen. Schließlich wird in einer Brot-Manufaktur nicht schnöde, wie in einer lausigen Bäckerei Brot gebacken, sondern kunstvoll und handwerklich Brot „geschaffen“.

Das dachte man sich auch in Güssing, im Südburgenland. Mit dem sechsten der sieben letzten Worte Jesu am Kreuz jubeln hier Brotbackmanufakteure seit kurzem: „Es ist vollbracht!“. (Werbetexter sollten sich überhaupt mehr der Bibel bedienen). Nun, was war vollbracht im Südburgenland? „Das innovative Premium-Lebensmittel, das pacha-maia Urbrot“ hatte am 17. September den dortigen holzbefeuerten Natursteinbackofen, doppelt gebacken verlassen. Hier in Güssing wird Brot glutenfrei und vegan „neu definiert: In unser Urbrot kommt verwirbeltes Wasser, unjodiertes Salz, und es wird mit Erdfrequenz beschallt.“ Die Wirbel im Wasser nebst Beschallung zeigen sich im Preis des Endprodukts: Das Kilo Urbrot kostet dann schon mal 29.90 (online Versandkosten - selbstverständlich klimaneutral - inklusive).  Wie in Urzeiten wird hier gebacken: „in händischer Arbeit, denn Händearbeit ist liebevoll“ verspricht „pacha-maia“; da wiehert das Mammut und der Neandertaler wundert sich. Kein Zweifel: Ötzi wäre das perfekte Testimonial für das Urbrot pacha-maia. Mehr Bio-Mehl war nie.

#pascalmorche

ÜBER DEN AUTOR

QUIET WORDS ist die gar nicht so stille Betrachtung des ultimativ Weiblichen, eine politisch unkorrekte Kolumne, deren Verfasser die Frauen kennt, sie liebend gerne beobachtet und seine Gedanken hier exklusiv niederschreibt.

Der bekannte Journalist Pascal Morché gilt als pointierter Autor, seine Kolumnen und Kommentare in führenden Tageszeitungen und Magazinen wie FAZ, SPIEGEL, die ZEIT und FOCUS zu Themen der Gesellschaft, Mode, Kunst und Kultur sind legendär. Seine "Lesungen der besonderen Art" haben Kultstatus. Seine Bücher "365 Tage Fashion" gelten als Bibel für Fashion Victims. 
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