QUIET WORDS

Betrachtungen diesmal des ultimativ Männlichen

„Ich werde alt“

Lustig ist das nicht! Aber was will ich machen?

Heute packen wir mal ein ganz heißes Eisen an: Das Alter. Ihr geschätzter Kolumnist hat die 60 überschritten. Also, vor mir ist nicht mehr viel Zeit, vor mir lauert der Tod. Dem will ich nicht mit dem Rollator begegnen, weshalb ich mich aber auch nicht auf eine Harley setzen muss. Über solche Kompensations-Spielereien bin ich erhaben. Old but gold!

Alter© iStock_VikiVector

Der Mann trägt die Jahre in den Knochen, die Frau trägt sie im Gesicht. Dieser Regel entspreche ich also nicht ganz, weil ich das Glück hatte, mein Arbeitsleben weder als Dachdecker noch als Bergarbeiter zu verbringen. Dennoch, der Körper meldet sich, sogar meiner: Das Kabel vom Staubsauger reiße ich im Stehen aus der Steckdose, so umgehe ich das Bücken. Aber lieber veranstalte ich akrobatische Spielchen mit mir.

Versuchen Sie mal, sich auf nur einem Bein stehend einen Strumpf anzuziehen. Gar nicht so einfach. Ich schaff das noch, locker! Aber ich gebe zu: Irgendwie bin ich bei solchen selbstgestellten Herausforderungen im Wettbewerb mit mir selbst. Die Balance zu halten ging vor einem Jahr auch noch leichter – und vor dreien erst...! Und wenn ich den Hausschlüssel vergesse, wittere ich Alzheimer, was ich vor zehn Jahren auch noch nicht tat. Ich dränge auch nicht in der U-Bahn auf einen Sitzplatz mit der Kampffloskel „Haben Sie keinen Respekt vor dem Alter?“ Eher bin ich peinlich, sehr peinlich berührt, wenn mir ein deutlich jüngerer Mensch seinen Sitzplatz anbietet (ist schon vorgekommen). Ich lehne das Angebot sodann stoisch ab. Am liebsten würde ich diesem höflichen Menschen sodann entgegen schleudern, welchen Berggipfel ich jedes Jahr einmal zur Überprüfung der eigenen Fitness besteige.

„Je älter man wird, desto mehr liebt man das Anstößige“ ; meint zwar Viginia Woolf. Ich habe das Anstößige aber immer geliebt. Deshalb kann ich jetzt auch auf vieles verzichten. Im Swingerclub ist man ja irgendwann der Älteste. Und die Passion eines Milf-Hunters, der selbst in die Jahre kommt, changiert doch irgendwie zwischen paradox, absurd und skurril. Will ich das? Eben! Je älter man wird, desto mehr ähnelt die Geburtstagstorte einem Fackelzug beim Reichsparteitag von 1936.

Älter zu werden war immer schwer. Ich glaube aber, heute ist es besonders schwer. Nicht wegen des Jugendkults, den gab es immer. Auch nicht weil der Mensch zwar lang leben, aber nicht alt werden will und auch nicht, weil mit dem Älterwerden unsere Eitelkeit immer jünger wird. Das alles war schon immer so.

Was aber früher definitiv anders war, ist die Tatsache, dass sich die Welt langsamer änderte als heute. Ich mag’s gern analog statt digital; ich hab’s gern haptisch, also eine Umwelt zum Anfassen statt einer Virtual Reality in 3D. Im Kontakt mit Menschen bevorzuge ich face to face und nicht facebook to facebook. Ich bin nicht dumm, einen Blogger kann ich von einem Blockwart unterscheiden; ich habe zwar noch keinen E-Scooter gemietet, aber ich muss mir auch nicht von Kindern sagen lassen, dass ich freitags zu demonstrieren und für das Klima zu hüpfen habe. Insofern habe ich keine Angst vor dem Alter, aber Angst vor der Jugend. Unbegründet ist das ja nicht.

So, jetzt will ich diese Kolumne schnell beenden, denn ich habe heute noch einen Termin bei meinem Psychotherapeuten. Ihm will und muss ich ja auch erzählen, dass mich das Älterwerden ganz traurig macht und dass ich das deutliche Gefühl habe, der Welt abhandengekommen zu sein. Wenn ich zu den Sitzungen bei meinem Shrink meine kallroten Converse-Turnschuhe trage, weiß ich nie, ob ich in seinen Augen Mitleid mit mir oder Neid auf mich erkennen soll. 

#pascalmorche

Pascal Morché

QUIET WORDS ist die gar nicht so stille Betrachtung des ultimativ Weiblichen, eine politisch unkorrekte Kolumne, deren Verfasser die Frauen kennt, sie liebend gerne beobachtet und seine Gedanken hier exklusiv niederschreibt.

Der bekannte Journalist Pascal Morché gilt als pointierter Autor, seine Kolumnen und Kommentare in führenden Tageszeitungen und Magazinen wie FAZ, SPIEGEL, die ZEIT und FOCUS zu Themen der Gesellschaft, Mode, Kunst und Kultur sind legendär. Seine "Lesungen der besonderen Art" haben Kultstatus. Seine Bücher "365 Tage Fashion" gelten als Bibel für Fashion Victims. 
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