QUIET WORDS

Betrachtungen des ultimativ Weiblichen

„Wo bin ich?“

Nicht nur im darkroom ist bei Frauen räumliches Denken wenig ausgeprägt. Aber es gibt ja GPS.

Es ist wirklich so: Wenn jemand nicht weiß, wo links oder rechts ist, wie soll er dann geradeaus wissen? Wenn ich zu meiner Frau und Beauty.at-Chefin im Auto sage „die nächste Straße rechts“ dann fühle ich wie sie denkt: „Wo ist jetzt rechts, wo links?“. Als wir neulich den Gardasee „hochfuhren“, was also von Süden nach Norden, beziehungsweise von unten nach oben impliziert, war ich verblüfft, dass die wunderbare Frau und Beifahrerin darauf beharrte: Aber wir fahren doch nach Süden! Nun, eigentlich hat ja der Mensch ein Gefühl dafür, wo Norden und wo Süden ist. Frauen müssen dafür aber André Hellers „Das Buch vom Süden“ lesen oder zumindest den Gardasee von oben sehen. Also aus der Raumstation ISS, oder aus der Vogelperspektive oder wenigsten aus 35 Zentimeter Abstand zum Rechner und zu Google-Maps. Ist ihnen der Blick von oben nicht gegeben, so frage der Mann die Frau besser nicht nach dem Weg. Sie neigt nämlich eher dazu, sich zu verfahren oder zu verlaufen.

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Gott und dem US-Militär sei Dank: Es gibt GPS! Wir können uns nun deutlich sicherer fühlen, wenn wir mit einer Frau nach dem richtigen Weg suchen. Aber warum unterscheidet sich ihr Orientierungssinn so vollkommen von jenem der Männer?

Das männliche Geschlecht richtet sich nach räumlicher Orientierung. Ein Mann findet seinen Weg, indem er auf Himmelsrichtungen und Entfernungen achtet, und sich unbewusst vom Sonnenstand leiten lässt. Fragt man ihn nach dem Weg, so ist eine typische, knappe Antwort: „Hier geradeaus und dann nach ungefähr 20 Metern rechts.“

Das weibliche Geschlecht bevorzugt visuelle Orientierung . Frauen merken sich markante Punkte in einer Landschaft oder Stadt, um sich zurecht zu finden. Darum sagt eine Frau, wenn man sie nach dem Weg fragt: „Sehen Sie die barocke Kirche da vorne? Dort die Seitenstraße rechts nehmen, dann kommen Sie zu einem Schuhgeschäft und einem Teeladen;  also der Jasmintee dort ist wirklich fantastisch und ja, da müsste dann irgendwo auch ein großer Brunnen sein…“ Die Wissenschaft kommt zu dem uncharmanten Ergebnis, dass der Orientierungssinn von Männern tatsächlich besser ausgeprägt ist. Während Männer beide Orientierungssysteme gleich gut nutzen können, schneiden viele Frauen bei Tests zur räumlichen Orientierung schlecht ab.

Eine Erklärung hierfür ist die evolutionäre Entwicklung des Menschen : Die Frau der Urzeit, in ihrer Rolle als Sammlerin, war darauf angewiesen sich feste Orte von Nahrungsquellen (heute vulgo Supermärkte!) einzuprägen. Der Mann hingegen musste aber in der Lage sein, ein Beutetier über weite Entfernungen zu verfolgen. Die antropologische Forschung sagt, dass bei allen Säugetieren immer das Männchen das risikoreichere Leben führt, weil es früher als das Weibchen das Nest verlässt. Das prägt!

Die Frau blieb in der Höhle (heute Reihenendhaus!) zurück . Dort auf mickrigen 20 bis 200 Quadratmetern verkümmerte ihr Orientierungssinn.  Der Mann hingegen musste raus und sich orientieren. Beute machen! Nahrung besorgen! Also ist es für Männer seit der Steinzeit (über)lebensnotwendig, einen guten Orientierungssinn zu entwickeln. Auch ganz ohne hightech GPS-Navigationssystem.

In GPS-prähistorischen Zeiten hat mancher Mann mehrmals die Erde sinnlos umrundet. Die Frau mit der Straßenkarte auf dem Beifahrersitz zwang ihm die falsche Fahrtroute auf. Diese Benzinverschwendung in Folge überflüssig gefahrener Kilometer! Diese Umweltbelastung! Miles, miles and much more Elend: Baumsterben, Erderwärmung, Abschmelzen der Polkappen,  Anstieg der Meere, das größer werdende Ozonloch... An alldem sind nur Frauen auf den Beifahrersitzen schuld, die in die falsche Richtung navigierten, als es GPS noch nicht gab.

Verständlich ist dieses tiefe, tiefe Misstrauen zwischen Mann und Frau,wenn es um die Richtung geht. Dieses Misstrauen, dass jeden „wechselseitigen Gebrauch der Geschlechtsorgane“ (Immanuel Kant, googeln) zunichte macht, dass die Ehe und jedes Vertrauen dauerhaft zerstört. Dieses Misstrauen, weil “die nächste rechts" immer auch “die übernächste links" bedeuten kann. Gut, dass es GPS gibt: Meine wundervolle Frau bemüht TomTom sogar, um zum nächsten Supermarkt zu fahren – obschon sie den Weg dorthin seit Jahren kennen müsste. Seltsam! Der eigenen Ortskenntnis zu vertrauen ist gut, die Kontrolle durch GPS ist besser. Nur wehe, wenn man nur GPS vertraut: In München fuhr unlängst ein Auto die Treppen zu einem U-Bahnhof hinunter, weil GPS den Weg in die Tiefgarage zeigte. Am Steuer saß übrigens ein Mann. Aber Ausnahmen bestätigen ja die Regel. 

#pascalmorche

Pascal Morché

QUIET WORDS ist die gar nicht so stille Betrachtung des ultimativ Weiblichen, eine politisch unkorrekte Kolumne, deren Verfasser die Frauen kennt, sie liebend gerne beobachtet und seine Gedanken hier exklusiv niederschreibt.

Der bekannte Journalist Pascal Morché gilt als pointierter Autor, seine Kolumnen und Kommentare in führenden Tageszeitungen und Magazinen wie FAZ, SPIEGEL, die ZEIT und FOCUS zu Themen der Gesellschaft, Mode, Kunst und Kultur sind legendär. Seine "Lesungen der besonderen Art" haben Kultstatus. Seine Bücher "365 Tage Fashion" gelten als Bibel für Fashion Victims. 
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