QUIET WORDS

Alltags-Betrachtungen von Pascal Morché

Kulinarische Onomatopoesie

Wenn der Klang der Worte zu noch mehr Missverständnissen zwischen Österreichern und Piefkes führt.

Onomatopoesie© Pascal Morché

Wer mal so richtig g’scheit daher reden und mit seiner Bildung prahlen will, der lasse das Wort „Onomatopoesie“ fallen. Tolles Wort! Oder? Man kann es ganz einfach mit „Lautmalerei“ übersetzen. Also, wenn etwas so ist, wie es klingt; oder wenn ein Wort ein Geräusch nachahmt: „rascheln“ zum Beispiel oder „knistern“; auch der Klang des Wortes „Pieks“ ist lautmalerisch genau so kurz und so spitz wie ein Pieks eben ist. Natürlich kommt es beim schicken Fallenlassen des Begriffs „Onomatopoesie“, wie bei aller Angeberei, auf den richtigen Moment an. Dass Worte wie „Milch“ oder „Schweinebraten“ besonders onomatopoetisch sind, kann man nicht behaupten; ein Angeber sollte so etwas also nicht als Beispiel heranziehen.

Tatsächlich gibt es kulinarisch onomatopoetische Missverständnisse, wenn’s so klingt, wie’s ist und man es dann isst (oder essen soll). Hier wird die Sache manchmal schwierig, ja unappetitlich. Den norddeutschen Dessertklassiker Rote Grütze zum Beispiel mochte ich, Ihr beauty.at-Kolumnist auf Grund seines Klangs niemals essen. Rote Grütze ? Niemals! Der Ton macht die Musik, oder auch das Essen. Dass meine geliebten Österreicher Scheiterhaufen oder Powidl genießen, ist (für mich) genau so zu begreifen wie die Tatsache, dass Palatschinken nichts mit Serrano oder einem Proschiutto di Parma zu tun hat. Ein Leberkäs ist ja von Leber und Camembert auch ziemlich weit entfernt. Ebenso soll in dieser kleinen kulinarischen Kolumne auch nicht politisch-korrekt die Frage aufgetischt werden, wen man gerade diskriminiert, wenn man gerne ein Zigeunerschnitzel bestellt oder einen Mohr im Hemd verspeist. Das ist mir Blunzn. Und damit sind wir beim Thema.

Blunzn klingt ziemlich unappetitlich (finde ich) – und nennt man sie Bluadwuascht (dt. Blutwurst) macht das auch nicht mehr Appetit auf die Wurst. Österreicher lieben Würste. Sie essen sogar Eitrige . Gegen Käsekrainer ist ja nichts zu sagen, die klingen, dass man sie zumindest kosten möchte. Aber Eitrige ? Eine eiternde Wunde... möchte man die ablecken? Sehr unappetitlich die Vorstellung, oder? Nicht für das österreichische Wurstverständnis. Es gibt tatsächlich Menschen, die genießen  „a Eitrige mit an G'schissenen, an Bugl, und an 16er-Blech", also eigentlich Käsekrainer mit süßem Senf, dem Endstück eines Brotes und einem Ottakringer Dosenbier. Ich vergaß: zum süßen Senf kann man statt G’schissenem auch G'spiebenes sagen, also „Gekotztes". Macht das Appetit an einem Wiener Wurststand? Mir nicht!

Angeblich hatte Sigmund Freud eine psychische Sperre, eine Phobie, das Wort Kipferl auszusprechen. Was immer der Mann aus der Wiener Berggasse 19 mit dem Wort Kipferl assoziiert haben möge, ich kann ihn verstehen. Mir fällt es im Land des Panierens und Faschierens recht schwer, Laberl zu bestellen. Laberl, onomatopoetisch klingt das labbrig und gehaltlos, man assoziiert Labern (wie Schwätzen) und Fladern (wie Klauen). Appetitanregend geht anders.

Aber auch dem Österreicher ist ein Wort ekelerregend. Ja, es ist so eklig, dass sich seine heitere Mimik in eine fürchterliche, eine angewiderte Grimasse aus tiefstem Ekel und größten Abscheu verwandelt: Schorle ! Ich finde, das Getränk Schorle , (egal ob mit Wein, Apfel-, Holunder- oder Kirschsaft gemischt), klingt frisch, sprudelnd, schäumend, spritzig... also erfrischend und angenehm. Für einen Österreicher aber ist das Wort Schorle in seiner Onomatopoesie so etwas wie akustische Folter. Der Deutsche sagt Apfelschorle , und präzisiert diese eventuell mit den Worten trüb oder halber Liter. Damit ist die Bestellung auch getätigt. Der Österreicher bestellt „einen Apfelsaft naturtrüb, mit einem prickelnden Mineralwasser aufgespritzt auf einen halben Liter “. Als Freund österreichischer Literatur versteht man nach so vielen Worten für das eine Wort Schorle, warum Romane von Musil oder Doderer zum Ausufern neigen.

Bleiben wir aus aktuellem Anlass noch kurz bei Kulinarik und Literatur. Ein Mann suchte wohl Arbeit im Lockdown? Jedenfalls begab sich der große, der wunderbare Harald Schmidt auf kulinarische Spurensuche im Werk von Thomas Bernhard. Von Gerd Voss’ Brandteigkrapfen -Gewürge, über die Utzbacher Fritattensuppe zum Wiener Schnitzel auf der Sulzwiese zeugt das soeben erschienene Buch „In der Fritattensuppe feiert die Provinz ihre Triumphe“ Verlag Brandstätter   von den zerfleischenden Zuständen der österreichischen Küche im Werk ihres größten Spötters.  
#pascalmorche

ÜBER DEN AUTOR

QUIET WORDS ist die gar nicht so stille Betrachtung des ultimativ Weiblichen, eine politisch unkorrekte Kolumne, deren Verfasser die Frauen kennt, sie liebend gerne beobachtet und seine Gedanken hier exklusiv niederschreibt.

Der bekannte Journalist Pascal Morché gilt als pointierter Autor, seine Kolumnen und Kommentare in führenden Tageszeitungen und Magazinen wie FAZ, SPIEGEL, die ZEIT und FOCUS zu Themen der Gesellschaft, Mode, Kunst und Kultur sind legendär. Seine "Lesungen der besonderen Art" haben Kultstatus. Seine Bücher "365 Tage Fashion" gelten als Bibel für Fashion Victims. 
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