QUIET WORDS

Betrachtungen des ultimativ Weiblichen

Getrennte Schlafzimmer

Labsal für die Beziehung!

Kitsch, Klischee und Konvention behaupten: Glückliche Paare schlafen immer im gemeinsamen Bett. Stimmt das?

Getrennte Betten© Beauty,at

Unser beliebtestes Naherholungsgebiet, das Bett, es muss einiges aushalten . Es ist ja nicht nur als Möbel zum Schlafen da. Es muss auch noch als Symbol herhalten für Liebe, für enge Vertrautheit und guten Sex. Wie bedeutsam dieses Symbol ist, sagt schon jener juristische Passus bei Scheidungen „getrennt von Tisch und Bett“. Das klingt archaisch, biblisch, faktisch. Wenn der Fall „getrennt von Tisch und Bett“ eintritt, dann ist Schluss, Aus, Ende mit der Beziehung! Die Schlafzimmerfrage sagt eben immer noch einiges über unser Verständnis von Liebe und Beziehung aus. Dabei ist es ein Blödsinn zu glauben, dass ein Paar, das besonders dicht aneinandergekuschelt die Nacht (jede Nacht!) verbringt, sich auch ganz besonders lieb hat.


Ich bin der Meinung nur allein schläft der Mensch gut!
Schlaf ist für mich ein Hineinkriechen des Menschen in sich selbst – und dafür muss man allein sein. Aber nein, die gemeinsame Matratze bleibt Gradmesser des gefühlten Beziehungsstandards und eine romantische Idealvorstellung: Bis dass der Tod euch scheidet! Apropos Tod: Mich erinnert ein Doppelbett mit zwei Kissen und zwei Decken, wenn es so schön ordentlich aufgebettet vor einem steht, immer an ein Doppelgrab am Friedhof. Und tatsächlich ist der Schlaf ja eine Form von Tod - und ich finde es absolut herrlich, sechs, sieben oder vielleicht sogar acht Stunden tot zu sein. Jeder stirbt für sich allein – nur einschlafen soll er eben nicht allein, sagen Kitsch, Klischee und Konvention. Wenn es überhaupt zum glücklichen Einschlafen kommt: Denn will der eine im Bett noch lesen, will der andere vielleicht schon schlafen und fühlt sich von dessen Nachttischlampe genervt. Aber im Schlaf geht dann der Ärger, also das Genervt-sein vom anderen, erst richtig los.

Viele Paare stören sich des nachts gegenseitig im Schlaf: die eine zieht immer hartnäckig die Decke weg, der andere schnarcht, als fälle er den Regenwald; die eine hat unruhige Beine und tritt im Schlaf um sich, der andere gibt gewissen Winden nach, die schlafend nicht unter Kontrolle bleiben; manchmal entschwindet aus tiefstem Magen der Knoblauch-Atem von der abendlichen Pasta aglio olio, oder der geliebte Mitschläfer (nicht Beischläfer!) steht nächtens auf um aufs Klo zu gehen... Statt selig in Morpheus’ Armen zu liegen, wünscht man sich nicht selten, dem „Feind“ im eigenen Bett zu entkommen. Denn der macht ziemlich viel action, wenn man selbst eigentlich schlafen will. Deshalb mahnt Ihr beauty.at-Kolumnist hier ganz klar: sich jede Nacht neben einem schnarchenden Partner hin und her zu wälzen, birgt mehr Sprengstoff für die Partnerschaft als die brennende Frage „Wer räumt die Spülmaschine aus?“

Ich bin der Meinung, dass kultivierte Menschen ihrem Verlangen nach alleinigem Schlafen nachgeben – wie damals, als es nur Königen und dem betuchten Adel möglich war, zwischen sich und ihren Gemahlinnen und Mätressen ein paar hundert Meter Schlossfluchten dem Architekten abzuverlangen. Man wusste oder ahnte zumindest, dass gerade durch Distanz Erotik und Sex lebendig bleiben. Einfache Leute hatten als Wohnraum manchmal nur ein einziges Zimmer, darin sie auch noch mit den Kindern schliefen. Nun muss man heute, der Französischen Revolution sei’s gedankt, kein „Blaublütler“ sein, um für sich allein gesegnete Nachtruhe zu finden – man muss sich „nur“ die Quadratmeterpreise in Großstädten leisten können. Wir sehen: gesunder Schlaf ist Luxus und regelt sich über den Preis.

Das Bett ist ein Rückzugsort, es ist Raum (bzw. Fläche) für das Private, das Eigene . Schlafforscher wissen, dass jeder Mensch einen anderen, nämlich seinen eigenen Schlafrhythmus hat. Sie bestätigen unisono, dass erholsamer Schlaf im gemeinsamen Ehebett schwer zu finden ist und dass dies im Alter sogar noch schwieriger wird. Und Paartherapeuten sagen ohnehin, dass Paare für glücklichen, phantasievollen und regelmäßigen Sex wirklich nicht auf gemeinsame Betten angewiesen sind. Im Gegenteil!

Doch getrennte Schlafzimmer bleiben ein Tabu . Zwar haben einer Umfrage der „New York Times“ zufolge, über 60 Prozent aller neu gebauten Häuser zwei „Master Bedrooms“ (gibt’s eigentlich auch „Mistress  Bedrooms“?) – doch dann erzählen Paare verschämt dem Architekten etwas vom zweiten Gästezimmer. Und auch in deutsche Baupläne zeichnen Makler (gerade von Luxusimmobilien!) gerne mehrere Schlafzimmer ein. Aber die Realität sieht anders aus: Es wird weiterhin schlecht, aber gemeinsam geschlafen. Warum? Weil viele Paare sich gar nicht trauen, dieses Thema zu besprechen. Weil sie spießbürgerlich glauben, der Wunsch nach getrennten Schlafzimmern sei ein Vertrauensbruch, ein Beweis für erkaltende Liebe und steigendes Desinteresse am gewählten Lebensmenschen. Das ist völliger Quatsch. Gute Nacht!

#pascalmorche

Pascal Morché

QUIET WORDS ist die gar nicht so stille Betrachtung des ultimativ Weiblichen, eine politisch unkorrekte Kolumne, deren Verfasser die Frauen kennt, sie liebend gerne beobachtet und seine Gedanken hier exklusiv niederschreibt.

Der bekannte Journalist Pascal Morché gilt als pointierter Autor, seine Kolumnen und Kommentare in führenden Tageszeitungen und Magazinen wie FAZ, SPIEGEL, die ZEIT und FOCUS zu Themen der Gesellschaft, Mode, Kunst und Kultur sind legendär. Seine "Lesungen der besonderen Art" haben Kultstatus. Seine Bücher "365 Tage Fashion" gelten als Bibel für Fashion Victims. 
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