QUIET WORDS

Betrachtungen des ultimativ Weiblichen

Sonnencreme

50+ für 50- ! So löscht man Sonnenbrand

Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass ein Sommer immer „außergewöhnlich“ ist? Ja, völlig egal, ob es heiß oder kalt, trocken oder naß ist; ein Sommer wird „außergewöhnlich“ genannt. Aber Suche ist ja auch immer „fieberhaft“, Brücken sind grundsätzlich „kühn“ und Berge stets „majestätisch“. Es gibt Adjektive, die kleben am Substantiv wie Sonnencreme am Körper. Ha, welch elegante Überleitung zum Thema dieser Kolumne.

Sonnenbrand© iStock_stockfotocz

Sicher kennen auch Sie die 50+Milfs mit der gegerbten, ledrigen Gesichtshaut einer Sioux-Squaw. In den 70er- und 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts ließen sie sich an den Stränden Südeuropas, irgendwo zwischen Rimini und Ibiza durchbraten und abbrennen. Manche bevorzugten auch den Süd-Balkon in Wien-Favoriten oder Alterlaa, sie frittierten ihre Körper wie Bodybuilderinnen in Tiroler Nussöl und hatten um ihren Hals Sonnenlicht reflektierende Aluspiegel oder Metallbleche aufgestellt. Solche Spiegel-Halskrausen erinnerten mich schon damals an jene Kratztrichter, die man Hunden über den Hals stülpt; dieser Leckschutz zu ihrer eigenen Sicherheit. An die eigene Sicherheit einer melanomfreien Haut dachten damals wenige Frauen. Damals war auch der 27. Mai im Kalender noch ein normaler, ganz gewöhnlicher Tag. Inzwischen wird der 27. Mai alljährlich als „Tag der Sonnencreme“ im Kalender geführt. Zweifellos gehört der amerikanische National Sun Screen Day zu den kuriosesten Feiertagen aus aller Welt und er wurde sicher irgendwo in Florida oder Kalifornien erfunden.

Inzwischen leben wir in einer Welt mit soviel dermatologischen Risikofaktoren, dass jede Frau wie 50- aussehen will, weshalb nur noch Lichtschutzfaktor 50+ hilft. Der kluge Mensch (es soll ihn ja geben) hat Tiroler Nussöl Adieu gesagt. Er weiß, dass man beste Chancen hat, sich Hautkrebs zu holen, wenn man seinen Körper über einen längeren Zeitraum hinweg ultravioletter Strahlung aussetzt. Die Haut vergisst nämlich keinen Sonnenbrand, den man in seinem Leben je gehabt hat und irgendwann wird einem die Rechnung präsentiert. Wenn unsere Epidermis eben nicht genetisch geschützt ist wie jene von nordamerikanischen Indianern, dann erinnert sie irgendwann im Alter an die Rückseite einer Krokodillederhandtasche und der Hautarzt bekommt Arbeit.

Nun gab es Zeiten, da galt eine weiße, geradezu alabasterfarbene Schneewittchenhaut als Schönheitsideal. Ungebräunte Haut war ein Statusobjekt in der Renaissance und auch im Barock, ja selbst später noch im 19. Jahrhundert. Nur als feine  und vermögende Frau konnte man es sich leisten „nicht“ in die Sonne zu gehen. Mit ihrer weißen Haut zeigte die reiche Frau, dass sie nicht arbeiten mußte. Dass sie eben keine Bäuerin war, die auf Äckern schwitzte oder als Wäscherin an Flüssen unter sengendem und bräunendem Sonnenlicht arbeitete, sondern  vornehm im kühlen Palast blieb oder zumindest im schattigen Garten. Indoor war chic und outdoor etwas für arme Leut’.

Heute ist das Gegenteil der Fall! Der arme Mensch, ob Mann oder Frau, sitzt im Büro und hackelt. Ihn bescheint das Neonlicht; der reiche Mensch aber hat viel Freizeit und die verbringt er unter der Sonne, nämlich outdoor. Egal ob Malediven, Ibiza, Aspen und Sankt Moritz oder Baggersee, Gänsehäufl und Donauinsel – Hauptsache draußen! Nur lauert dort eben die Gefahr: Unser Fixstern! Gewiss, das einzig probate Mittel gegen Sonnenbrand ist die Burka. Ihr dauererotisierter Beauty.at-Kolumnist ist natürlich absoluter Fan von „Wicked Weasel“ (googeln!). Außerdem bin ich glücklich, bereits ein Alter erreicht zu haben, indem ich sicher sein kann, den Sonnenschutz „Burka“ für Frauen nicht mehr flächendeckend in der westlichen Welt erleben zu müssen. Deshalb erfreut mich der Sonnenschutz, den die meisten Frauen weiterhin bei Douglas oder Marionnaud, bei BiPa und DM finden, bzw. „wie“ sie ihn finden. Da fingern sie dann stundenlang zwischen Sonnenmilch-Spray-Cremes von Ambre Solaire, Lancaster, Nivea oder der jeweiligen Hausmarke herum. Sie wollen ja braun werden und das möglichst schnell und natürlich gesund; es geht ja immer um „gesunde Bräune“. Nur, niemand, wirklich niemand, will auch glauben, dass das mit einem Lichtschutzfaktor 50 ebenso funktioniert wie mit Faktor 20. Im Unterbewusstsein blubbert nämlich das Tiroler Nussöl und neben der Angst, nicht haselnußbraun zu werden, ist da immer auch noch die Angst, mit Sonnenmilchcremesprays sich die Leinenbluse oder den Bikini zu verfärben. Sonnenmilchflecken sind schlimmer als Spermaflecken auf einem Kleid!

Die drängenden Fragen die Sonnenschutz-Produkte im Parfümerieregal den Frauen stellen , sie zielen auf Höhe des Lichtschutzfaktors, auf chemische oder mineralische Filter, auf Hautalterung, wasserfeste Sunlotion, Ablauf derer Haltbarkeit, Zeitpunkt des Nachcremens, nicht fettende Sonnencreme, Selbstbräuner als Alternative... und und und. Ja, dann gibt’s auch noch die ganze Batterie an After-Sun-Pflegeprodukten. Die Kaufentscheidung wird einer, nach Bräunung gierenden Kundin nicht leicht gemacht. Doch da ist eine Frage, die brennt heißer als 1000 Sonnen im Unterbewusstsein einer Frau: Wer cremt mir den Rücken ein? Die Lösung für alle Singlefrauen mag auf anderen Gebieten Handbrause und Mittelfinger sein, für die bräunungswillige Solistin wurde das „Überkopfspray“ erfunden. Eine Dose, die eben auch dann sprayt, wenn eine Frau sie über Kopf hält und so, leicht verrenkt auf ihren Rücken zielt. Nicht ganz einfach, aber Yoga hilft. Und dann gibt’s ja noch die berühmte „Bikinizone“. Deshalb am besten immer schön streifenfrei bräunen und auch die Scham rasieren. Aber nicht vergessen: sobald die Haare nachwachsen, sieht sie aus wie ein von Elektroschocks aufgeschreckter Langflorteppich. Es gibt eben auch am von der Sonne gebräunten Körper noch immer viel zu tun.

#pascalmorche

Pascal Morché

QUIET WORDS ist die gar nicht so stille Betrachtung des ultimativ Weiblichen, eine politisch unkorrekte Kolumne, deren Verfasser die Frauen kennt, sie liebend gerne beobachtet und seine Gedanken hier exklusiv niederschreibt.

Der bekannte Journalist Pascal Morché gilt als pointierter Autor, seine Kolumnen und Kommentare in führenden Tageszeitungen und Magazinen wie FAZ, SPIEGEL, die ZEIT und FOCUS zu Themen der Gesellschaft, Mode, Kunst und Kultur sind legendär. Seine "Lesungen der besonderen Art" haben Kultstatus. Seine Bücher "365 Tage Fashion" gelten als Bibel für Fashion Victims. 
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