QUIET WORDS

Betrachtungen des ultimativ Weiblichen

Von Feinem und Feinen

Ein paar Auffälligkeiten zur verfeinerten Lebensart – oder was manche dafür halten.

„Second Hand“ heißt jetzt „preloved“. Das klingt feiner, irgend vornehmer. Viel besser jedenfalls als „used“ „abgelegt“ „gebraucht“ oder aus „zweiter Hand“. Das geht alles gar nicht. Preloved (gilt hoffentlich auch für jeden Menschen!) ist ein Versprechen, dass die alte Klamotte einst emotional sehr geschätzt wurde und noch immer etwas dieser Emotion in sich trägt.

Toast© iStock

Wir widmen uns heute ein wenig dem verfeinerten Lebensstil. Ihn spiegelt gern die Sprache. Unlängst entdeckte Ihr Kolumnist in einer Wiener Straßenbahn als Warnhinweis ein wunderbares Beispiel kultivierter, feiner Sprache: „Bitte sich festzuhalten“ . Ach, ist das schön zu lesen! Diese sprachliche Kapriole hat nichts mit K.u.K.-„Gnä’ Frau, küss die Hand“-Schmäh zu tun oder mit der Tatsache, dass in Deutschland Schrank genannt wird, was in Österreich ein Kasten heißt und dass ein deutscher Schussel ein österreichischer Hoppertatsch ist. Wahre Vornehmheit hat Poesie. Der Deutsche ist nicht poesievoll, das zeigt seine Sprache: Er schreibt in der Straßenbahn "Bitte festhalten!" , falls er das Wort „Bitte“ überhaupt schreibt. Der Deutsche gendert seine Sprache zwar politisch korrekt (wie er leider alles korrekt macht), aber zu einem poesievollen, sprachlichen Gebilde wie „bitte sich festzuhalten“ ist er seit Jahrzehnten nicht mehr fähig: „Festhalten!“ Übrigens nennen Österreicher ihre Busse, Straßen- und U-Bahnen liebevoll „Öffis“, was im deutschen Land der Sprachverhunzung „ÖPNV“ genannt wird: „Öffentlicher Personennahverkehr“.

Feine Lebensart beginnt ja nicht damit, dass Menschen Servietten benutzen, sondern dass sie dies tun, bevor sie das Weinglas zum Mund führen . Sich in Kontext zum anderen zu stellen und diesen also zu (be)achten. Der fettig verschmierte Rand eines Weinglases ist eine Zumutung für den Tischnachbarn. Der Vornehmheit ist nicht damit Genüge getan, dass man ein Toastbrot stets diagonal halbiert, statt es in zwei Rechtecke zu teilen. Warum nur strahlt ein diagonal geschnittenes Toastbrot Vornehmheit aus? Warum wird eine zum Dreieck gefaltete – und nicht gerollte -  Palatschinke sofort zur eleganten Crêpe? Vielleicht könnte  eine interdisziplinäre Verbindung von Hirnforschung (niemand sagt Gehirnforschung!) und Geometrie eine Antwort liefern.

Der Autor dieser Kolumne bemerkt auch immer wieder, dass feine Menschen – oder besser: sich für fein haltende Menschen –stets darum bemüht sind, nichts falsch zu machen. Dazu ist der Liedtext „Feine Leute“ von Georg Danzer nicht schlecht: „Feine Leute schwitzen nie...Feine Leute pinkeln nie in die Blumenvase / Fallen niemals aus der Rolle oder auf die feine Nase.“ Natürlich ist dieses Verhalten  ziemlich anstrengend. Oder auch nicht, wenn man sich auf einen Code der Vornehmheit geeinigt hat. Man ist dann konform und „unter sich und seinesgleichen“. Nur keine Fehler machen, nichts tun, was ins Auge geht. Oder gehen könnte. Dezent möge es sein und niemals schrill. Feine Menschen mögen alles Cremefarbene und haben eine Vorliebe für weiße Blumen. Ja, ist Ihnen auch schon aufgefallen: dort wo es vornehm sein soll, finden Sie geneigte Leserin, immer nur weiße Blumen: Weiße Blumen auf dem Couchtisch, weiße Geranien am Balkon, weiße Rhododendren im Garten. Häuser, mit auf Glasscheiben geklebten Fenstersprossen sind auch so ein Fall: „Mit unseren selbstklebenden Sprossen veredeln Sie Ihr Haus“ verspricht der Anbieter und garantiert einen „vornehmen touch“ als Deko-Element. Auch die Stuckleiste als Meterware aus dem Baumarkt soll die Zimmer „edel wirken“ lassen. Schön, wenn man das Edle „problemlos ankleben“ kann und sich so den Bürgertraum vom Adelsschloss erfüllt. Nur macht eine Buchsbaumkugel rechts und links neben der Haustüre noch kein Versailles oder Schönbrunn.

„Alles Vornehme ist eigentlich ablehnend,“ sagt Goethe. Stimmt, irgendwie. Ich habe auch immer das Gefühl, dass sich Teetrinker meist für feine Menschen halten und Kaffeetrinker als vulgär ablehnen. Ähnlich den Weintrinkern, die über Biertrinker gern die Nase rümpfen.

#pascalmorche

ÜBER DEN AUTOR

QUIET WORDS ist die gar nicht so stille Betrachtung des ultimativ Weiblichen, eine politisch unkorrekte Kolumne, deren Verfasser die Frauen kennt, sie liebend gerne beobachtet und seine Gedanken hier exklusiv niederschreibt.

Der bekannte Journalist Pascal Morché gilt als pointierter Autor, seine Kolumnen und Kommentare in führenden Tageszeitungen und Magazinen wie FAZ, SPIEGEL, die ZEIT und FOCUS zu Themen der Gesellschaft, Mode, Kunst und Kultur sind legendär. Seine "Lesungen der besonderen Art" haben Kultstatus. Seine Bücher "365 Tage Fashion" gelten als Bibel für Fashion Victims. 
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